bittemito

Tag: Alltagspoesie

Himmelsblaumetamorphseide

Tarsun welkt spürbar in ihrer bisherigen Seidigkeit. Schon zwei Wochen Absenz reichen zur offensichtlichen Veränderung. Sie scheint sich zu verpuppen, rundet sich und verliert ihre libellige Behendigkeit. Nur Zorn pulst noch manchmal nackenhaarsträubend auf. Die zarte Falte zwischen ihren feingeschwungenen Augenbrauen hat sich verkratert und fordert Bestand.  Ihre vertraute Lieblingshaltung eines ruhenden Buddhas schafft sie kaum noch einzunehmen, zu arg ist der Verlust der Bewegung.

Selten wogt ein Lächeln ihren kindlichen Unschuldsmund, statt dessen birst kehliges Weinen die bereits gesponnenen Schichten Einsamkeit. Ihre Hände sprechen vermehrt in Zornesgesten. Sie formulieren Fragmente von Schmerz und Wut. Meine Antworten bleiben stumm, wie könnte ich sie ihr denn angemessen übersetzen? So bleiben meine Erwiderungen als Ahnung bei mir.

Ins große Blau hinaus ließ ich heute meine eigenen Fragen fließen. Horchte plötzlich auf. Ein Geraune, das sich zum Rascheln aufbäumte. Geflatter vielleicht, ich äugte nach Vögeln. Schaute den Wingert hinauf, spähte in jedes Gereih von kahlen Reben. Da stoben Himmelsstürmer wispernd hoch ins strahlende Blau, reigten sich. Verneigten sich dann taumelnd hin zum Anfang ihres wilden Treibens. Trockene Weinblätter im Aufwind des südwestlichen Hanges, befeuert durch das Strahlen der Sonne.

Da hatte ich meine Antwort. Metamorphose. Gestalt, Form und Funktion verändern sich. Werden zu kleinen Wundern, die man nicht sofort erkennt. Davon will ich Tarsun morgen schweigend berichten. Es gibt Veränderungen, die bedürfen weder lauten Geschreies noch ständiger penetranter Wiederholung. Oft reicht ein einfaches Da-Sein. Ein Geschenk des Himmels.

 

 

 

 

 

Häuser aus Tränen

Jedes Haus besteht aus Tränen. Von Pupillenquellen gespeist und durch Zahmzähren gehalten bietet es Schutz und Heimat. Ich habe viele Heimaten und dennoch schmerzt jeder Blick zurück, wenn er mich den letzten deucht. Augenwassernd passieren die Erinnerungen, spiegeln sich verzehrend, verzerrend gar, wenn sie so lange flossen. Wo gute Geister in Augenspiegel tauchten und Wimpernvorhänge sich schwerend schlossen. Jedes Haus aus Tränen ist different gebaut, manche sind süßwassermild und doch lauern jammervolle Seufzersümpfe in ihnen. Andere klagen stürmisch salzend die Ewigtide an oder ihre Oberlichter zerspringen eisklirrend in tausend wehe Splitter. Es gibt auch die, die sind aus unstetem Augensand gebaut. Unfassbar in Gezeiten verloren.  Dieses ist meines. Ich werde es wie meinen Augapfel an meinen innerstenen Tränengestaden hüten.

Dreimalhinsehdreizehnsinn

Minuten, Stunden und gar Tage verstoben zuletzt. Wir fühlten uns sicher in einer ureigenen Zeitblase umfangen. Vorgestern rief ich nächtens staunend die anderen herbei, hatte wohl meinen Zeitgeist überraschend verlassen: Der Dreizehnte mondete uns wolkenblinzelnd an.

Gestern strahlte für einen glückseeligen Blick der Mondenbruder über Fluss, Schleuse und Brücke. Warf dann seinen samtenen Vorhang aus Wolkengeflecht vor unsere applaudierenden Augen und verschwand.

Heute sah ich Zeitchen zuvor noch ein Leuchten, liess rasselnd wieder den Fensterladen hoch. Staunte still und stumm am offenen Fenster. Sandte Gebete jedweder Art für ein Mondenzwinkern hinaus. Nun ist nach Mitternacht. Meine Lieben und ich haben den dreizehnten Mond um vieles gebeten. Was davon in unsere Pupillen fließt, bleibt mondendes Geheimnis.

Das Herz kriegt keinen Schnupfen

Die Tomatensträucher entblößten sich im kühlen Novemberlicht. So viele Früchte noch grün gewölbt, leicht errötet in raren Sonnenstunden. Gilbendes Laub darbte von Schutz- zu Schatzmeister, bis drohende kalte Nächte mich Sonnengut bergen ließen.

Zeitungen, deren Ungeheuerlichkeiten ich meinen Pupillen verbat, horteten plötzlich  unreifen Luxus und gewährtem ihm die nötige Zeit. Schnee von gestern bettete unsere Sonnenkinder und all die gedruckte Narrheit legte sich schlafen.

Zeitchen vergingen, Geduld ruhte wie eine schnurrende Katze am warmen Ofen und draußen leerte der Spätherbst Beete und Rabatten. Die Natur gibt keinen Nachlass, sie hat noch nicht mal Listenpreise. Alles ist ein Geschenk.

Ein Sommeressen Ende November. Thymian, Oregano und Basilikum sind draußen unter Glas geborgen, ich eile durch den kaltnebeligen Abend. Ziehe zurück in der duftschwangeren Küche fröstelnd die Schultern hoch. Warm macht mich Dein Blick.

In Deiner Stimme schwingt die Sorge mit. Bitte nicht erkälten, bitte nicht jetzt. Im Kerzenlicht leuchtet unser Sommergut. Sommerglutgut so rot. Der Geschmack lässt das Augenwasser aufsteigen. Und ich sage leise: Egal, was noch kommt ~ das Herz kriegt keinen Schnupfen.

Adventspezialansinnenappetenz

‚~~~Hiermit, Sie oberallerfingerfertige Blumenverwandlerin, bestelle ich einen Adventskranz gebunden aus Rosmarinzweigen und Feigenästen. Umwunden mit goldenen Seidenfäden, Hagebuttenstängelchen und Zanderflossen. Aufgehängt an Saffianfäden mit Schleifen aus Färberweid. Und nichts weniger. Und keine Kerzen, bitte schön.~~~‘

Zeitchen zuvor wurde mir dieser Wunsch von einem hochwertgeschätzten Herrn mit Hut angetragen. Natürlich eilte ich röckeraffend solch hohes Begehr zu erfüllen. Was mir auch fast gelang. Kein Zander gab freiwillig seine Flossen dafür her, was ich tiefherzig verstehe. Und auf Schleifen verzichtete ich aufgrund einer temporären Scheißschleifchenscheu.

Stattdessen fügte ich einheimisches Gehölz hinzu und als besonderes Kleinod meiner Wertschätzung eine kostbare Feder vom blauen Vogel der Glückseeligkeit. Rotbackenäpfelchen zieren den Kranz ebenso wie sie dem Pragmatiker als Wegzehrung dienen können. Die Feigen hingegen müßten noch mehr Sonne atmen für treffliche Verzehrbarkeit.

 

Allen Buchstabenballerinen und Letterngesellen wünsche ich einen ruhigen und friedlichen Advent. Besinnen wir uns auf unsere ureigene Kostbarkeit und dass dies uns manchmal zur Genüge reicht. Ein paar gute Worte, ein Lächeln, das in Pupillen schimmert und eine stille Dankbarkeit. So wunderbar gewichtig leicht.