bittemito

Tag: Anklage

Leisegrenzganggedankenreise

Es war eine kleine Reise, doch ihre Route folgte den Pfaden der großen Geschichten, denen letztlich unsere eigene, gemeinsame Historie entstammt. Bestünde diese Grenze noch heute, wie die diktatorischen Machthaber sie planten und viele Mitläufer ausführten, es wären  Meilen der Ödnis mitten durch Deutschland. Und durch unsere Herzen. Doch auf dieser kleinen Reise sahen wir ein heilsames Wachsen. Sprachen mit Menschen, die sich öffneten und einander die Hände reichten. Sahen alte Narben langsam verblassen und absurd gezogene Risse sich wieder schließen. Vielfalt in Natur und Menschlichkeit. Die drohenden Schwären, die Deutschland erneut durchziehen, sie sind ost- wie westwärts gleich. Es ist hohe Zeit, gemeinsam zu heilen. Anfangs vielleicht mit einer kleinen Reise.

Taschentuchbaumurbantraum

„Ich glaube, in der Ignoranz des Menschen wohnt der Grund seiner Übelkeit.“ Mein Blick bleibt an sein elegantes Fingergelenk geheftet, das bei dem ausgerotzten Wort ‚Übelkeit‘ aprupt abknickte. ‚Er kann mit seinen Fingern sprechen‘, denke ich und lausche und sehe ihm weiter zu. Die Pause unseres Nachsinnens ist angenehm temperiert von Frühlingsdüften und diesen unvergleichlichen Klängen einer Weidemondnacht. Ich verspüre die Sehnsucht nach einer Rückspultaste für den Moment, nur um noch intensiver auf seine Fingersprache achten zu können. Die ‚Ignoranz‘ war vermutlich ein geradeaus gestreckter Mittelfinger und bei ‚Menschen‘ zeugte der Zeigefinger von Obacht. ‚Kleiner Finger, lache nicht!‘ denke ich unwillkürlich an diesen immer gültigen Spruch von Ominkel, der auch ohne dem drohenden ‚l‘ gesprochen seine Wirkung nicht verfehlt. Ein gütiger Spruch. Ich fange an zu kichern.

Augenblicklich übersetzen seine Hände die bebenden Laute meiner Schulterblätter, erspüren die giggelnden Konsonantentänze und fügen sanft streichend einige Vokale in ihrer so ganz eigenen Sprache hinzu, bis ich unter drei Tränen leise explodierend zu ihm aufblicke. „Ja,“ antworte ich. „Unsere Ignoranz wohnt uns inne. Und wirkt heilsam oder giftig. Das Maß zu halten, das ist unser Gebot.“

Vom Balkon des Nachbarhauses schrillt eine zänkische Stimme zu uns herunter, ein Telephon zerbirst die Nacht und irgendjemand schmeißt eine Kippe achtlos auf uns herab.

„Ich denke so oft an den Taschentuchbaum, wie es war, ihn mit meinen Füßen zu finden und wie er uns  dann kathedralte und dieses Licht…“ Seine Finger gedeihen bei diesen Worten meine Halswölbung an. Flüstern Fragen in mich, die ich nie beantworten kann. Ich seufze. Und dann sind wir eine Weile alle still.

 

 

Brückenunruhfastbürdeüberschautableau

„Hey, Bridget, hast du das auch gehört eben?“ „Gäääääähn, was ist denn los, Brygga? Die Sonne steht noch flach und die Nachtzüge sind alle durchgerauscht…“ „Jaja, aber da war gerade so ein Klicken, ein mechanisches Geräusch in der kurzen Stille!“ „Vielleicht ist ja bei dir ’ne Schraube locker, die jüngste biste ja nicht mehr.“ „Fang bitte nicht vor dem Achtzehner an zu stänkern, ah, da kommt er ja…“ ~~~IC-Durchsausegeräusch~~~

“ Hach, von diesem Kribbeln kann ich gar nicht genug kriegen, von wegen nicht mehr die jüngste! Beim Vibrieren mache ich mancher Jungspundpons noch was vor, meine werte Bridget.“ „Jaja, zum alten Eisen gehören wir noch lange nicht, auch wenn wir stellenweise angerostet sind, du hast ja recht. Apropos: Wäre es nicht mal wieder an der Zeit, eine wohlige Korrosionsbehandlung über uns ergehen zu lassen? Und dieser ganze Vogeldreck müßte auch mal wieder … Momentchen, der Achtfünfzehner kommt angeschnauft…“ ~~~Regionalbahnzuckelgeräusch~~~

„Ach, liebste Schwester im stählernen Geiste, manchmal träume ich davon, eine ganz andere Brücke zu sein. Vielleicht eine elegante, kurvenreich geschwungene oder gar eine, die sich hochziehen läßt…“ „Meine liebe Brygga, sei bloß froh, dass wir so stabil und stämmig gebaut sind, wie söllten wir denn sonst diese Zugbelastung ertragen?!“ “ Pscht, Bridget, da isses wieder!“ „Was denn, Brygga? Ich spüre nur das ankündigende Schwirren des Achtachtzehners anbrausend in den Schienen“ „Nein, nein, da war wieder dieses Klicken wie ein kleiner Ewigkeitston…“  ~~~IC-Durchsausegeräusch~~~

„Ich weiß nicht, was du meinst, liebste Brygga. Ich höre außer den Zügen nur das Ewigkeitsgeflüster des alten Rheins und manchmal klingt der Singsang des Mains herüber. Das Rauschen der Schiffe unter uns. Das Schnaufen der Läufer und ihr Fußgetrappel und das Klingeling der ungeduldigen Radfahrer…“ „Da, da schon wieder! Ein Klicken wie wenn Metall Metall umschließt! Es macht mir Angst, liebe Bridget.“ „Ach, das meinst du, Brygga! Da wird wieder so ein Menschenpäarchen eines der dämlichen Schlösser an uns geklickt haben. Eine gräßliche Plage für unsereiner. Für immer und ewig, pah! Wir wurden auch einst für die Ewigkeit gebaut und nun gehst du mir schon morgens auf die Träger!“ ~~~Güterzugdurchrattergeräusch~~~

„Jetzt wirst du aber ungerecht, Bridget! Ich finde das irgendwie süß. Ist doch niedlich, wie die Menschlein ihre Liebe nach außen tragen…“ “ Die Menschlein? Wer trägt denn diese Liebe nach außen?! Das bin ja wohl ich! Ich habe schon langsam ein Ziehen in der Hüfte, nix mit Ewigkeit, wenn das so weitergeht!“ „Ach, komm schon, sei friedlich. Fühl doch mal, der nächste Regio kündet sich schnurrend an. Und da die zwei  Menschlein, die leise lächelnd zu uns aufblicken. Da schwindet selbst meine Angst. Ich glaube, die können uns richtig sehen. Die haben gewiss kein Schloß dabei.“ “ Ach Brygga, du wieder! Halt doch mal die Schrauben stille! Ich mache jetzt einfach wieder die Augen zu“ „Na gut, ich träume auch noch ein bißchen vor mich hin. Gleich kommt noch der lange Güterzug, der lullt mich immer so herrlich ein. Ach, Bridget, eines noch: Ich habe dich erzlieb…“ „Halt die Schwelle, Brygga! Immer du und deine Scheißerzchenromantik!“

Ein Haus athmet aus

Dieses Haus athmet es aus. Alles, was ihm einst aufgebürdet wurde ist in seinem Verfall als Moder zu spüren. Es ward in Unrecht gebaut, das Haus und an unredlicher Stelle. Das teilt es wohl mit vielen anderen Häusern, aber dieses hier scheint Buße zu tun. Es stirbt einen langsamen Tod, begleitet von Geistern, die es stetig heimsuchen. Seine einstige Pracht war eine falsche, eine verlogene gar und nun ist seine Verderbtheit echt. Eigentlich erobern sich die Pflanzen zuerst ihren angestammten Platz zurück, doch hier ist nur Agonie empfindbar. Dieses Haus athmet aus.

 

… und dann und wann ein weißer Elephant.*

Der Rummel meiner Kindheit beschränkt sich auf wenige Tage im Jahr voller Kuriositäten auf dem Dorfplatz hinter der Kneipe. Sich im Kreise drehende Feuerwehren, Polizeiwagen, beschnallte Pferde und ja, auch rosa Schweinchen zum Besteigen. Lautstark heischten Losverkäufer um Aufmerksamkeit und das Anschlagen der Hauptgewinnsglocke zog kurzfristig alle Blicke dahin. Das war die beste Gelegenheit, um die gläsernen Bierhumpen zu stiebitzen, das Pfandgeld wandelte sich rasch in krachend süßsaure kandierte Äpfel oder klebrige Zuckerwatte, die es nur an diesen Tagen gab. Später dann das Glücksgefühl des im Kreise Fliegens mit dem Kettenkarussell. Ringe werfen nach goldenen Fischchen, ein Spiegelkabinett, dessen gläserne Zerrbilder bebten mit dem darin gefangenen Lachen. Einen weißen Elephanten sah ich nie.

Zeitchen später dann ein kurzes Schauen auf die großen Rummelplätze. Schwindelnd machende Riesenräder und magenumstülpende Sausereien, die ständig scheinbar ihren bannenden Schienen entkommen wollten. Gruselkabinette, deren Kunstgeschöpfe bald die Außenwelt nur zu parodieren brauchten. Die mit gediegener Gemütlichkeit getarnten Festzelte, in denen jedoch ein ganz einsamer Wahnsinn tobte. Konzentrierter Konsum, Überfluß und Völlerei, die in Exzessen sich ergossen und ein dumpfes Bassen verbannte die feinen Karussellmelodien. Zwar drehten sich noch immer bunte sagenhafte Tiere in ihrem Kreise, doch auch hier war kein weißer Elephant zu sehen.

Letzthin führten uns unsere Reisewege in eine große, alte Stadt. Strasbourg, allein der Name verströmt Geschichten. In mancher wollten wir uns wohl wiederfinden, doch die ganze Stadt war ein einziger Rummelplatz. Menschen gebaren sich als Marktschreier und priesen ihren Tand an. Elektronische Handfesseln ersetzten Spiegelkabinette und Geisterbahnen. Zuckerwerk und importierte Stehrümchen an jedweder Ecke und ein Gedränge wie auf dem Jahrmarkt. Jedes Los ein Hauptgewinn, jeder Handel nie wieder so billig abzuschließen Dazwischen patroullierten Uniformierte mit kaltem Blick und den Maschinengewehren im Anschlag. Durch all den Konsumlärm dräute eine Melodie an uns heran. Und dann habe ich ihn gesehen, meinen weißen Elephant.

* Titel in Anlehnung an Rainer Maria Rilkes „Das Karussell“