bittemito

Tag: Anklage

Häuser aus Tränen

Jedes Haus besteht aus Tränen. Von Pupillenquellen gespeist und durch Zahmzähren gehalten bietet es Schutz und Heimat. Ich habe viele Heimaten und dennoch schmerzt jeder Blick zurück, wenn er mich den letzten deucht. Augenwassernd passieren die Erinnerungen, spiegeln sich verzehrend, verzerrend gar, wenn sie so lange flossen. Wo gute Geister in Augenspiegel tauchten und Wimpernvorhänge sich schwerend schlossen. Jedes Haus aus Tränen ist different gebaut, manche sind süßwassermild und doch lauern jammervolle Seufzersümpfe in ihnen. Andere klagen stürmisch salzend die Ewigtide an oder ihre Oberlichter zerspringen eisklirrend in tausend wehe Splitter. Es gibt auch die, die sind aus unstetem Augensand gebaut. Unfassbar in Gezeiten verloren.  Dieses ist meines. Ich werde es wie meinen Augapfel an meinen innerstenen Tränengestaden hüten.

Zum dreizehnten Mond hin

Zwölf Monde erhellten unser ruhendes Dunkel diesjährig bereits. Der dreizehnte bringt uns ans Ende eines Jahres, welches entblößt und wahre Gesichter zeigt. Ein Jahr der Offenbarungen. Gezeiten ändern dich.

Heute in der diakonischen Einrichtung. Nach vierzehntägiger Quarantäne ist sie wieder für externe Seelen geöffnet. Der Betreuer, der meinem Schützling zugewiesen ist, sieht müde aus. Berichtet schlagwortartig, es ist keine Zeit für lange Umschreibungen: Dreiundreißig Klienten, zwanzig Mitarbeiter, alle infiziert. Krisenmanagment funktioniert bis an alle möglichen Grenzen. Halbehalbe zwischen leichtem und schwerem Verlauf. Zwei intubiert. Keine Todesfolge bislang. Er schluckt, mir steigt Augenwasser auf. Er liest die darin schwimmende Frage, nickt und sagt: ‚Klar machen wir weiter, was denn sonst…‘ Ich antworte bebend: ‚Bis morgen… und Danke.‘

Während die einen Mensch bleiben als soziales Wesen, leugnen andere unabdingbare Notwendigkeiten. Bringen sich und andere unnötig in Gefahr. Es macht mich fassungslos, was Wohlstand aus uns zu machen vermag. Noch die kleinste freiwillige Einschränkung trifft auf harschen Widerstand. Manche fühlen sich gar als Opfer, wähnen sich diktatorisch beherrscht. Was bleibt uns denn als Gemeinsamkeit? Reden. Schreiben. Verstehen. Und beten.

Ich bete zum dreizehnten Mond der Milde, er möge Erbarmen in sein Strahlen legen. Und Weisheit. Sende Bittworte an Jupiter und Saturn, sie mögen uns mahnen in ihrem innigen Kusse gerade in diesem Jahr. Und ich denke die gut an, die trotz Sorge für uns sorgen. Ich glaube an die Menschlichkeit, immer.

Am seidenen Faden hängt zitternd mein Herz

Sensilibität ist es, die fehlt. Sensibilität im Umgang miteinander und vor allem in dem Konsum meinungsbildener Medien. Das war schon vor der Pandemie so und wird durch sie nur noch deutlicher. Weil Angst unsensibel macht. Wer sich ängstigt (und es ist sekundär, ob diese Angst tatsächlich begründet ist), sorgt sich nicht zartfühlend, sondern spielt Hau-Den-Lukas als wäre er auf der Kirmes. Hau drauf. Hinterfragen und vielleicht ein behutsames Einfühlen in die Sichtweise eines anderen scheint unmöglich.

Dabei gelingt es ja und manchmal erscheint es im Alltag wie selbstverständlich. Ein Lächeln in den Augen, eine einladene Geste mit den Händen oder einfach ein kurzes Abwarten entzerrt viele schräge Situationen. Und die unentzerrbaren können wir durchaus einfach mal so stehen lassen. Auch virtuell. Das ist aus Selbstschutz vielleicht sogar die bessere Entscheidung Denn wir alle haben ein Herz, das zitternd am seidenen Faden hängt. Passen wir gut darauf auf. Es ist kostbar.

Pupillenpurzelbaumportrait

Wenn die Welt Kopf steht, ist eine eigene Ansicht unumgänglich.

 

 

Schwarzweißunddasdazwischen

Die Beeindruckung der gestrig teilweise begleiteten Demonstration bleibt. Nachhaltig. Es ist wie ein begeisterter Spiegelblick, ein erkennendes Jugendbild. Transformiert in andere Zeiten. Die weder besser, noch schlechter sind. Schwarz- und Weißmaler haben schon seit jeher alle Farbtöne dazwischen vergessen.

Der Stream ist mit allen Pannen und Patzern online gestellt, das kann man sich nämlich auch mal trauen. Realität statt Schönfärberei und Augengewische. Für Schnellgucker empfehle ich tatsächlich die Tagesschau (Das hätte ich von mir selbst nie gedacht!). Dieser Beitrag ist ein Lehrstück in Sachen Medienkompetenz und Leitmediendienertum. Ich suche jetzt nochmal nach den Neuruppiner Schülern, deren Projekt beschäftigt mich. Es fühlt sich an wie selbstbedruckte Shirts mutig unter dem FDJ-Hemd zu tragen.