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Tag: Clara&Victor

Einfach mal Dinge zu Ende bringen

Jedwedes hat seine Zeit. Das ist nicht nur eine Liedzeile, sondern schlußendlich unser Lebenskonstrukt. Statt in Etappen Dinge zu runden, sie zu Ende zu bringen, stapeln wir hoch. Bis wir am Ende vor einer Wand stehen. Genau jetzt ist Zeit, diese Stapel zu sortieren. Was hebe ich auf und wofür?

Kleiderschrank, Briefkarton, Schubladen, Samentütchen, Telefonlisten, Warenlager, Blogentwürfe, Fotoalben, Schuhregal, Werkzeugschrank, Handschuhfach, Besteckkasten, Vorratsschrank, Musiksammlung, Bücherregal, Farbtöpfe, Kühlschrank, Postkarten, Geschichten…

Zeit, um alte Zöpfe abzuschneiden und Schlüssel wegzutun von Schlössern, die längst verrostet sind.

 

Claras Chronik 05.04.2020

Mein lieber Victor,

dieses ist mein endgültig letzter Brief. Ich habe gelernt, mit Ihnen ohne Sie zu leben. Überleben gar. Sie waren mir manchmal einzige Hoffnung und Halt. Beglitten mich durch alle Zeiten, selbst dann, als ich Sie verloren glaubte. Und dabei mich.

Nun bin ich alt, das Schwarzhaar umkräuselt müde grau werdende Schläfen und verknorpelte Finger hören kaum noch auf das Gebot der geäderten Hände. Ich will Ihnen nur mitteilen, daß ich meinen Schwarzkieselstrand fand. Obgleich er nicht der ist, an dem ich Sie wartend sah. Dennoch ein guter, weil ich stattdessen meinen Frieden fand.

Die Dorfleute verlachten mich anfangs ob meiner Bernsteinsucht, denn hier gab es nie welche. Schwarzkieselstrände und Goldtränen schließen sich aus, so lernte ich eine nackenbeugende Lektion. Ich hob den Kopf und lernte die Menschen schätzen. Und sie mich. Für Rat und Tat bekam ich Lohn, ihre Kinder brachten die Warmglühsteine aus der Ferne bei Besuchen mit.

Geliebter Victor, der Du immer dieses bleiben wirst, vergib mir bitte die Müdigkeit ob der Suche nach Dir und den Verlust des einen Steines. Ich habe alle Wege ausgelotet und bin sämtlichen Pfaden gefolgt. Was ich dabei fand, ist das pure Glück.

In tiefer Liebe, Deine Clara.

Wenn Clara tanzt…

„Scheißescheißescheiße…“ Claras Flüche verebbten sachte in der schwülen Julinacht während drinnen hitzige Bassläufe und geprügelte Schlagfelle gegen den Krach der tanzwütigen Horde fluteten. Ihr letztes „Schhhh…“ verblieb als Schatten in ihrem Mundwinkel und formte sich unverhofft zu einem „Sch.. schön. Na schön…“ Sie vergaß ihre Gehhilfe und humpelte dem Lärm entgegen.

Sie hatte unzählige Tanztees erduldet, war vor so benamsten Zumbagehupfe von dannen gehumpelt und glaubte inzwischen nicht mal mehr den scheel lächelnden Duttmadamen, die mit Hilfe komplizierter Notensprünge ihre Füße malträtierten. Und ihre Knöchel, Schienbeine, Kniee und verdammtnochmal auch alle diese Bänder, Sehnen, Faszien, sie wollten einfach nicht gehorchen. Sie hatte einst getanzt, verfluchte Hacke, und wie sie getanzt hatte! Keine einstudierten exakten Steifbewegungen, es war mehr als spürte sie die Noten subkutan in sich fließen. Sie hatte die Musikke im Schneewittchenarsch, zumindest lautete so die derbliebe Einschätzung eines früheren Zeitchenbegleiters. Jetzt war alles nur noch Schmerz und Steifheit und ihre Bewegungen erschienen ihr krampfig und ungelenk. Und je mehr sie darüber nachdachte, umso tiefer furchte sich dieser Kummer um ihre Lippen.

„Heyhey, kein Ärger lohnt so finsteren Blick. Willste ’nen Schluck?“ In ihr Blickfeld schob sich eine Pulle Sekt dessen darbietende tätowierte und beringte Hand zu einem beindruckenden Punk gehörte. Ein warm leuchtender brauner Stein in dickes Silber gebettet prangte am Mittelfinger und schien die Wurzel eines tintigen Geflechtes zu sein, das sich in V-Form über den Handrücken zog. „Bier wäre mir lieber.“ Ihre Patzigkeit schien den Buntvogel nicht weiter zu stören. Und auch nicht ihre verkrückte Einschränkung, denn seine flapsige Antwort folgte im Weggehen: „Mußte mit rinkommen, drinne gibts hopfige Ambrosia und urste Mugge…“ „Hey! Warte! Ich kenne doch niemanden in dem Schuppen! Außerdem bin ich zu alt für den Scheiß! Warte!“ Sein rauhes Lachen mitsamt der über die Schulter geworfenen Offerte goss sich lavagleich durch ihr erstarrtes Sinnen. „Alter ist relativ. Und jetzt kennste mich, frag einfach nach Victor…“

„Na schön!“ Sie hatte noch nie zu solcher Musik getanzt und doch war es, als brächten sich die Töne zu ihr zurück. Und Clara tanzte.

 

Die schwere Leichtigkeit des blonden Steines

„Merde!“ Der Junge erhob sich unbeholfen fluchend und dennoch mit aller unterhäutigen Eleganz der uralten Kreaturen von seinem spitzsteinigen Stolperpfad. Bis dahin war er gerannt, als hätte er einen besonderen Schatz gefunden oder als griffen Dämonen nach seinem zartschwitzigem Nacken. Die wellenrundgetanzten Kiesel in Gestadenähe hatten ihn schnellfüßig werden lassen, doch in Sichtweite seines Elternhauses begannen die meeresaussortierten Steine sein Gerenne zu bremsen. ‚Elternhaus, da scheiß ich drauf!‘ Summend versuchte er seines Schmerzes Herr zu werden und schämte sich sofort für dieses Denken. Vielleicht nicht sein Elternhaus, er bekam nie Antworten auf seine quengelnden Fragen, ach, er kam ja nichtmal zum Quengeln; doch seine Mutter gab sich redlich Mühe. Seine Mutter? „Merdemerdemerde!“

In Gedanken schon wegen dieses Gefluchs und dem rissigfransigen Loches in der mühsam angesparten Hose um Vergebung bittend, striff ein weiterer Angsthauch seinen pulsenden Hals. Starr blickte er auf sein ebenso pulsendtropfendes Knie. ‚Was würde Vater sagen?‘ Der nächste Gedanke ließ ihn weichknieig wieder zu Boden sinken. ‚Was  würde Vater tun?‘ Wie gelähmt blieb er sitzen, die Dämmerung umhüllte ihn wie ein kaninchenfelliges Tuch und schier wollte er hier einfach verharren. Barg sein Gesicht auf den wunden Knieen und schluchzte rotzend auf. ‚Tränen für Mutter und Rotz für Vater…‘

Einer der hinterigen Steine unterbrach sein leidiges Sinnen. Glomm warm durch den schlissigen Stoff. Er verdrängte seinen Kummer einstweilen und auch sein dringliches Heimwärtsgeeile und tastete nach dem Rundkieselstein. Erinnerte sich an die nurwenigstundige Freude zuvor, als er Flachkiesel um Flachkiesel über die Wellen tanzen ließ und darob die Zeit vergaß. Bis er diesen einen in die Finger bekam. ‚Ein blonder Stein? Wie geht denn das?‘ So dachte er und fühlte dann die Leichtigkeit in seiner gewölbten Hand. Eine Leichtigkeit, die ihn nun wieder überkam in einer Intensität, die seinen gleichfalls blonden Wimpernvorhang zum sanften Senken zwang. Er barg den blonden fremdartigen Stein in den Händen und fühlte ein warmes Kosen, als striche eine mildsanfte Fingerkuppe seine noch feinen Lebenslinien entlang. Hinter seinen geschlossenen Lidern nahm ein heller Schatten Gestalt an, schien ihm zuzuwinken und breitete dann die Arme weit aus.

„Vic! Vic, wo bleibst du denn!?“ Die gellenden Rufe der Frau, die er Mama nennen sollte und bei der er nicht über eine Mutterbenamsung hinaus fühlen konnte, ließ die Gestalt jäh zerstieben. „Vic! Jetzt komm doch, der Vater kommt gleich vom Fischen zurück!“ Bei dem Wort ‚Vater‘ ließen ihn tausend Nadelstiche auf die Füße springen. „Merdemerdemerde!!!“ flüsterte er nur, doch seine weitere Antwort hallte wie die brechende Brandung als Vorbote des Tsunamis, der in ihm toste; gen geduckte Kate klippenwärts an: „Mutter! Ich werde keine Angst mehr haben! Wenn er noch einmal die Hand erhebt, ich schwöre, ab heute schlage ich zurück!“ Darauf entstand eine tosende Stille, wie nur kochendes Blut sie unterhäutig gebären kann. Aufrecht stand der schmale Junge, trotzig wie eine Küstenbirke und gegen den ahnbaren Sturm gefeit.

Mit dem sanftglimmenden Blondstein in der Hand entquoll seiner bebenden Kehle noch ein weiterer Ruf: „Und verdammt nochmal, ich heiße nicht Vic! Victor, ich bin Victor!!!“

Claras Chronik 12.01.2016

Lieber Victor, ich vermag nicht mehr Ihnen zu schreiben, jedwedes Papier löst sich auf unterm Salzperlengetropfe, keinen Stift vermag meine welkmüde Zitterhand noch zu halten. Dieses wird mein letztes Notat an Sie sein, ich bin am Ende meiner Reise und doch nicht. Kalt der Bernstein, sein Glühen eine fahle Erinnerung an durchweinte Nächte, an bittere Tränen der heißquellenden Enttäuschung, wenn hinter der nächsten Kurve nur ein neuer Krummspitzsteinpfad sich schmerzbeschwörend offenbarte. Wie oft ich auch innehielt und unterhäutig lauschte, ich habe Sie verloren. Irgendwo hinter den gequerten Trostlostälern und Kargebenen. Ließ Sie zurück unter Duckangstbaumwäldern und dem Gekreisch der jagenden Meute. Und mit Ihnen verlor ich mich. Wenn ich Sie nicht finde, dort an diesem Ende meines nun letzten Pfades, da wo Schwarzkiesel unter meinen müdwunden Schorfsohlen kühlend sich meiner erbarmen und sanft anlandende Wellen endlich das Gekreisch der mich verfolgenden Mahre samtenweich übertönen, dann finde ich auch mich nicht mehr. Nie. Doch welche Richtung soll ich meinem geschundenen Körper noch aufzeigen? Wie weit kann dieses müdwehe Gerippe sich noch vorwärts mühen, bevor es sich endgültig dem letzten Schlafe ergibt. Ein Zeichen, Victor, ein Zeichen… Oh, ich törichtes Ding. Ein Zeichen von einem an den ich nicht mehr glauben mir zu erwüns…

Claras Brief

Sehr geehrter Kollege, wir fanden diese Lettern bei der Patientin, von der ich Ihnen telephonisch berichtete. Vielleicht hilft Ihnen dies bei der Analyse. Sie ist unvermindert apathisch und ohne jedwede Erinnerung. Der hier erwähnte Bernstein könnte dieser Schwarzkiesel sein, den sie immer fest umklammert. Wenn wir diesen Victor ausfindig machen könnten, wäre vielleicht ein Fortschritt möglich. MfG Prof. Dr. Rettenfelder