bittemito

Tag: Farbstudiengeschichten

Lenzensputzlebenslustschnappschussgruss

Nach einem wahrlich harten Winter müssen auch manchmal die stillsten Eckchen durchgefeudelt werden. Hinterhöfisch wie herzenskämmerich. In dem Denkpenthaus soundso. Lenzensputzlebenslust eben. Ich wünsche allen Wortflaneusen und Buchstabenakrobaten bonfortionöse Frühlingsgefühle mit Primelpower, Narzissgeflüster, Tulipangetanze, Weidenkatzerichgekuschel und Hyazinthhauch…

Brauntropfen- Mutter weint (Farbstudie II)

Die Bernsteinkette meiner Mutter kam mir vor wie aufgefädelte Honigtropfen, die sie mühsam salzend ihren Augen abgerungen und dann seltsam erstarrt an Silberringlein fixiert hatte. Man erklärte mir die Herkunft des Bernsteins in der Schule, ich habe es sogar selbst versucht ihn herzustellen. Gleichwohl wußte ich schon beim Abkniepeln des Harzes vom Kirschbaum, daß das nicht stimmen konnte. Im Bache, in einer zerschnittenen Nylon schwimmend, fand ich nach ein paar Tagen die schwarzschmierige Bestätigung: Es fehlte die Salzwassermühe. Mitsamt der benötigten Zeit.

Damals wußte ich noch nicht, daß man Erinnerungen auch tränend salzreifen konnte, doch der Wunsch nach einer solchen schimmerigen Kette verließ mich nie. Die Ahnung von heller werdenden, sich versüßenden Honigtränen verstärkte sich jedoch bei jedem Blick in die Karamellaugen meiner Mutter. Sie waren nie rotgeweint wie bei Oma oder anderen vorschnell gealterten Frauen im Dorfe, sie schimmerten lichtwehend wie die Dünengräser in den hochsommerigen Flirrwochen an der Ostsee. Winters hingegen oder eben auch heimatlich glücklich maronten sich ihre Pupillen zu warmer Liebkosung gleich tiefster Herkunft und Überzeugung, genau da zu sein, wo sie sich langsam entsalzen konnte.

Es waren ihre Honigaugentropfen, die mir viel zu groß versilberkettet über die dürre Jungmädchenbrust floßen und um die ich sie beneidete. Sie salzte sie erneut augenwassernd, bis sie mir verstandeserträglich wurden und nur süße Erinnerungen fürderhin hell mir schienen. Eine solche Kette, wie töricht war es; sie jemals zu neiden!

Blaupause- Frau Liebling findet (Farbstudie I)

Heide reckte sich über Freds Schulter, um nach der Blautüte auf dem Rücksitz zu suchen. Kurz zuvor hatten sie flüsterstimmig wie es nur Liebende vermögen, von ihrem Rausch in die Realität zurückgefunden. Und die hieß in Heides Fall schlichtweg ‚Durst!‘ Dabei stellte sie mit ihrer Ferse versehentlich die Musikanlage an und während sie es sich mit der  ergatterten Blauflaschenbeute auf seinem Schoß gemütlich machte, um diesen Körperkontakt sich bis in die Innenhäute hineinwellen zu lassen, erklangen wieder ganz fremdvertraute Töne:

„Komm, küß mich noch einmal, du kannst mich ein bißchen befrein…, nie hätte ich geglaubt daß das möglich ist. Meine eigene Frau Liebling…“ Freds Stimme brach ab und Heide antwortet mit einem Lächeln: „Ich hielt dich für einen Ritter und fand wohl den müden Prinzen in dir. Darauf trinke ich jetzt…“

Gewiss würde die Neige der ohnehin Billigfusel enthaltenen Blauflasche abgestanden sein. Nach einem ganzen Nachmittag in einem schaukelnden Auto in der Sommerhitze noch fader schmecken, als es der Discountprosecco eh tat. Auch wenn der himmelblaue Volvo die letzte Stunde einsam in der kühlen Abgeschiedenheit der obersten Etage des Parkhauses gestanden hatte, war es noch immer heiß im Wageninneren. Bezwinkert von dem Azullächeln des bis heute Mittag völlig Fremden setzte sie mit einem mehr als seeligen Lächeln die Flasche direkt an.

Blaupause

Ende

Blaupause- Frau Liebling antwortet (Farbstudie I)

„Was war das eigentlich, wobei wir so jäh unterbrochen wurden, vorhin am Waldbach?“ Freds Blick blieb geradezu auf die blaugold leuchtende Wand gerichtet, er sagte kein Wort. Heide wartete, zweifelte fast, ob er ihre Frage überhaupt verstanden hatte, da wandte er den Kopf zu ihr und sie meinte, in diesem Escuroazulmeer seines Blickes zu versinken. Sein Mund blieb stumm, doch sie hörte jedes einzelne Flehen in ihrem Innern. Wurde ganz weich, ganz sanft und gleichzeitig sicherer, als sie es je gefühlt hatte. Hielt diesem Pupillenmaelstrom stand und erwiderte seine Bitten. Antwortete liderflatternd, mal flogen Schatten über ihre Augenspiegel, dann wieder rundeten sich ihre Pupillen zu perfekten Ohnendlichkeiten und schließlich stellte Fred nur noch die eine, in diesem Moment schlußendliche Frage, indem er seine linke Hand auf die unter dem kühlen Leinenhemd glühende Haut ihres rechten Oberschenkels legte.

Sie beugte sich hinüber, verharrte kurz bevor ihre Nase seine berührte und neigte sachte ihren Kopf. Fred schnallte sich ab, ohne den Blick von ihr zu lösen und strich ihr mit einer Geste in der alle bewundernde Achtung, die ein Menschenkind einem zweiten zukommen lassen konnte, eine Strähne ihres Langhaars hinter das  Ohr. Ließ seine Hand in ihrem angespannten Nacken ruhen, bis auch dieser sich ihm ergeben entgegenrundete. Ihr erster Kuß berührte ihn libellenflügelschlagzart, er nahm ihn wie ein hochgutes Geschenk entgegen, behutsam bedacht, so einer Kostbarkeit ausreichend zu huldigen. Heide war es, der das nun nicht mehr zu genügen schien. Öffnete ihre Lippen und umfuhr zungenspitzig die Konturen seines Mundes. Freds Antwort war ein gieriger Kuß, als würde ein Ertrinkender endlich der athembringenden Meermaid begegnen, an die er eigentlich nur in irgendwelchen Fieberträumen glaubte oder eben kurz bevor er tatsächlich ertrank.

Und wieder war es Heide, die die tosende Stille mit einer simplen Frage unterbrach.“Wohin? Wo sind die Parkplätze hier, die keine Kamera erfasst?“ Freds Stimme war wieder so mariannengrabentiefblau, daß die Schwärze darin in Unendlichkeit zu kippen drohte: „Geradezu, knapp nach dem nächsten Kassenhinweisschild, wo die Ebene ansteigt, da reicht keine Kamera hin.“ Heide startete schon bei seinen Worten den Motor und fuhr die Blaue Ebene langsam hinauf. Kein Zittern war in ihren lenkenden Händen und kein Zögern ließ ihren nackten Fuß das Gaspedal bedienen. Exakt parkte sie ein, zog die Handbremse an und ließ den vibrierenden Motor des Volvos verstummen.

Und genau so exakt wiederholten sich ihre Bewegungen, die sie vor Stunden wütend und bitter im Treppenaufgang vollzogen hatte. Nur daß denen jetzt eine Weichheit und Hingabe innewohnte, die wie ein Versprechen wirkten und nicht wie die Anklage des Vormittags. Und es waren nicht ihre Nylons, die sie elegant hinternhebend und fußspitzig fließend auszog, sondern das blaue Nichts, ihr einziges verbliebenes eigenes Kleidungsstück diesen Tages. „Kannst du mir bitte das Hemd aufknöpfen, es gehört ja dir?“ war ihre letzte Frage für geraume Zeit, bevor sie sich mit gleicher sicherer Eleganz auf Freds Schoß schlängelte…

Wer sich athemschöpfend mitschlängeln will, erfährt die ganze Geschichte unter diesem Schlagwort:

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Blaupause- Frau Liebling fragt (Farbstudie I)

Diesmal blieben die Boxen des Volvos stumm. Heide lenkte den Wagen zurück in Richtung Innenstadt, im Rückspiegel flackerte der neonblaue Schriftzug auf:

⇒⇒⇒  To    Diner  ⇐⇐⇐

Das Zeichen, daß Tom’s Diner nun seine Türen öffnete. Offiziell öffnete. Wie oft hatte sie Tom schon in den Ohren gelegen, das Werbeschild zu reparieren. Irgendwelche Idioten hatten den Schriftzug mit Steinen beworfen, doch Tom hatte in seiner unerschütterlichen Art verkündet: „Wurscht, ob da Tom’s Diner oder To Diner steht, Hauptsache die Leute bekommen etwas vernünftiges zu essen! Bastapasta! Und ganz in der Not gibts die Hintertüre.“ Und genau so war es auch, die Anschreibtafel von Tom hinter der Theke war immer vollgekritzelt. Genau wie die Tür zu seinem Hinterzimmer. Nur daß da Dankesworte standen statt Euroschulden.

Heute war ein neuer Blauaufweißgruß hinzugekommen: Danke, Du hast einige Hausmeisterdienste gut bei mir! Fred mit Lady. Heide hatte hinterhofig geschellt und sofort nach dem Türöffnen und einem Blick auf den Hund in Freds Armen hatte Tom die Führung übernommen. Jetzt lag die wunderschöne Blue Lady leicht sediert, aber kugelfrei im Hinterzimmer auf einer Pritsche, Freds Gesichtsfarbe gesundete sich langsam dank des gereichten Wacholderschnapses und Heide staunte einmal mehr über Tom. Oft genug war sie Zeuge geworden, wie dieser stämmige Mann mit den Pianistenfingern seine nie hinterfragenden Wohltaten vollbrachte, sei es am Herd oder wie eben in seinem heimlichen Behandlungszimmer. Vermochte sogar noch, sie mit Fred zurückzuschicken, um den Volvo abzustellen. „Ihr müßt aber wiederkommen, ich habe hier ein Chili am köcheln, das bringt euch endgültig ins Leben zurück. Außerdem wartet die blaue Lady. Und ausreichend Wacholder, um Dir Fred auszuspannen…“ zwinkerte er in Heides Richtung, sein freundschaftlicher Blick wanderte anerkennend an Heides spärlich bekleidetem Anblick hinab.

‚Scheißerle‘ lächelte Heide und steuerte den Wagen inzwischen in Richtung Parkhaus. In ihr Lächeln dräute sich die dunkelverbläute Stimme von Fred, der die ganze Zeit stumm aus dem Seitenfenster geblickt hatte. „Woher wußten Sie, daß ich mit Lady nicht zu einen zugelassenen Tierarzt  konnte?“ „Das wußte ich nicht, aber Tom war mein erster Gedanke. Er hat schon etlichen Tieren geholfen, ich war ein paarmal quasi seine Arzthelferin, wenn ich eigentlich nur was essen wollte. Warum hätte Ihnen denn ein richtiger Viehdoktor die Hilfe versagt?“

Als hätte sie mit dieser Frage ein lange verrostetes Ventil geöffnet, sprudelten anklagende und sogar zornigknirschende Worte aus Fred heraus. Worte über Abrichtungsmethoden und Selektion. Worte über das Scharfmachen von zu gutmütig erscheinenden Tieren und Worte über Gruben, in die Tiere einfach zum Verdursten hineingeworfen wurden. Worte über Hunde, die als Scharfmacher dienten und starben, nur weil ihre Farbgebung nicht dem Kundenwunsch entsprach und Worte über illegales Retten so mancher dieser armen Kreaturen. Worte, deren rostroter Blutanteil jedwede Blausehnsucht zu einem schmierigen Gemisch in seiner Stimme ertränkten. Heide war über alle diese erschütternden Worte Kurve um Kurve im Parkhaus gefahren und stand seit einiger Zeit in der Auffahrt der Blauen Ebene. Blickte stummlauschend auf die abendsonnenüberflutete Wand.

blauwand

Irgendwann schwieg auch Fred, als wäre seine Stimme endgültig abgesoffen in diesem leidgetränkten Erinnerungsmorast. Lange Zeit starrten beide auf die Lichtspielereien in den verschiedensten Blautönen, bis Heide noch eine  Frage stellte…

Warum Heides desaströser Anblick anerkennende Blicke auslöst und wie die Blue Lady in diese mißliche Lage kam, kann gerne nachgelesen werden unter dem Schlagwort

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