bittemito

Tag: Fleiß

Libellenschwebeseidenstil

Tarsun spricht durch ihre Hände. Manchmal kann ich sie sogar verstehen. Die Laute, die ihren Mund verlassen sind nur in der Intensität deutbar. Ein kehliges Lachen, kurz ausgehustet wie ein eigentliches Verschluckgeräusch; läßt mich erleichtert mitlachen. Es bedeutet für uns beide, diesen kleinen Moment ist alles gut. Schon Zeitchen später will ihr kleines Gesicht in Verzweiflung welken. Und ihr Mund kann nur noch Schrei sein.

Tarsun spricht durch ihre Hände. Zeigend sprossen ihre geschlossenen Finger durch unsere Zweisamkeit. Meist folgt sie ihrer ganz eigenen Choreographie, ich staune stumm. Dreht sie die Handfläche in der Bewegung öffnend zu mir hin, möchte sie etwas haben. Nur um es eventuell abrupt abzulehnen. Ein Schrei und dann müde Verzweiflung. Doch nicht immer. Ich lerne von Tarsun, noch genauer hinzusehen.

Tarsun spricht durch ihre Hände. Sie hat feingliedrige, zarte Finger, die wie Libellen schweben können und eine fünfzigjährige Haut aus Seide. Wie immer warme Kinderhände. Manchmal legte sie diese wie zur Ruhe in die meinen. Derzeit nicht. Ich trage Handschuhe, das irritiert sie sichtlich. Manchmal quittiert sie mein Gesinge und Gemurmel unter der Maske mit Handgeflatter. Libellenpanik. Dann halte ich inne und sehe weiter hin.

Tarsun spricht durch ihre Hände. Ich will weiter lernen, ihre Sprache zu verstehen. Der Libellen schwebender Stil ist von seidiger Vergänglichkeit.

Draussen im System

Ein kurzer Anruf und ich bin wieder Draussen. Draussen im System. Nach wochenlangem Drinnen, erst in selbstgewählter Quarantäne und dann freiwillig nur intervallig öffentlich unterwegs; bin ich wieder relevant für das System. Wobei meine Relevanz nicht wirklich dem System an sich nützt. Weil diese Charakterisierung einzelner Gruppen und den darin verankerten Menschen verdammt gefährlich ist. Kommt nach der Zweiklasseneinteilung bald die Unterscheidung in bedeutsame und unbedeutende Menschen? Und welches System könnte das für sich beurteilen?

Meine Relevanz besteht nur in der Funktion eines Bindegliedes. Als Betreuer für einen Menschen, der sich selbst nicht helfen kann. Zwischen Familie und professioneller Tagesbetreuung agierend. Nach wochenlanger Stagnation muß die Förderung von Menschen mit erheblichen Einschränkungen wieder anlaufen. Ich schlafe eine Nacht äußerst unruhig, grübele wie das in diesem Falle kontaktfrei ablaufen könnte. Und erkenne: Es geht nicht. Also muß medizinischer Mundschutz her, Handschuhe und vor allem ein konkreter Plan. Meine Relevanz ist am ehesten mein Verantwortungsbewußtsein.

Ein kurzer Anruf genügt und ich bin wieder Draussen. Rückblickend auf die Drinnenzeit kann ich reinen Herzens sagen: Ich habe das bestmögliche aus und in diesen Tagen gemacht. Danke für die virtuelle Begleitung, es war kwasi bonfortionös wieder hier zu sein.

 

Und manchmal muß es einfach bunt sein

Manchmal muß es einfach bunt sein. Dann leuchten kleine Sonnen aus Nelkenwurz über dem Boogie-Woogie von Edel- und Christrose in flottem Orangehellgrüngewimmel. Kängurupfötchen geben begeistert den Takt an. Maiglöckchenblätter bitten frische Efeutriebe zum grünen Reigen und Rosmarin liebäugelt mit flatterigem Eukalyptus. Ein weißes Allium tändelt mit der Alstromerie, die in Purpur bald leuchtet. Das Zittergras schüttelt sich vor Begeisterung ob des bunten Treibens und kitzelt dabei den ergrauten Wollziest, der gerade der errötenden Kartheusernelke den Hof machen wollte. Ich schaue lachend das Farbgewusel und halte es für einen Moment fest.

Obsoletphotographiepanorama

Sich in alte Photographien fallen lassen. Den Farben nachspüren und Stofflichkeiten mit den Pupillen ertasten. Die Stimmung subkutan aufnehmen. Dem Frieden inmitten arbeitsamer Betätigung gewahr werden. Floralnamen flüstern und deren Nimbus erkennend fühlen. Erinnerungen sind in Freude gewoben. Sie sind leise Gesänge aus Tagen, die in gleichen Tönen komponiert worden sind. Und dann die warme Ahnung um kommende Bilder in diesen Farben der Renaissance. Mit ihr flutet der Dank für mehr als das bloße Abbild meine Pupillen.

 

De dix-huit-jours

Die erste Freude war die Besprechung in dunklen Winterstunden. Welches Gemüse bauen wir dieses Jahr an? Die länglichen französischen Radieschen in rotweißer Gala sollen unbedingt mit dabei sein, das war die zwote Freude. Die dritte war die erste Erweckung der februarig ruhenden Beete mit Hackenküssen. Pferdeäppel unterarbeiten die vierte Freude, dann folgten fünf, sechs sieben: grob zerklumpen, feiner zerbröseln und ganz fein krümeln.

Die achte Freude verlangte Achtsamkeit, sie war das behutsame Ziehen von Pflanzeneindringlingen. Manche wurden umgebettet, das gilt jedoch nicht als neunte Freude. Nach Saatgut zu suchen fernab von Baumarkt oder supermarktlichen Mitnahmezeugs, das war die große neunte Freude. Die zehnte war, tatsächlich nachhaltig und kleinbetrieblich fündig zu werden.

In der elften Freude wohnten drei einzelne: Bestellt, bezahlt, bekommen. So einfach, so freudenvoll, so modernen Zeiten gehuldigt. Drei in einer zählen als eine für mich. Dann kam die lange kribbelige Freude auf die richtige Pflanzzeit. Ein Dutzend Freuden somit. Der Dreizehn wohnten alle Geister bei, ich habe keine ausgeladen. Sie alle bevölkern diesen Garten und haben ihren Anteil daran.

Die vierzehnte Freude war das Aussäen, dieses innige Zeichnen der Reihe, das Fühlen des Pflanzholzes, das Nachkrümeln der bereiten Erde in die kleinkreisigen Löcher, das fingerspitzige Betten der Samenkörnchen und schließlich das Bedecken. Das Schwenken der betüllten Gießkanne zum wassernden Segen. Das alles ist eine einzige Freude gewesen!

Zartstarke Grünlinge waren Zeitchen später die fümpfzehnte Freude. Schoben sich durch die Krume und entfalteten alsbald grünlichte Blätter. Wuchsen und rundeten sich dann erdnah. Das war die sechzehnte Freude. Heute habe ich behutsam an einem ersten Radieschen gezogen. Umfaßte den Blätterschopf und hielt plötzlich meine siebzehnte Freude bejubelnd in der Hand. Diesen Jubel trug ich zum Liebsten und dessen wassernder Augenschimmer war mir die spiegelnde achtzehnte Freude.

Geerntet haben wir dann noch mehr: De dix-huit-jours.