bittemito

Tag: Gemüt

Wie Schnee, der auf Rosenknospen ruhen will

Dieses  Jahr rann mir gleich dem hellen Rheinsand durch die müden Finger. Unaufhaltbar und doch ein Labsal in seiner schönen Schlichtheit. Und wie das Bett des alten weisen Flusses lag ich bloß und kargte mich aus. Fand verborgene Schätze tief im inneren Grund und streifte knapp an den ausgebrochenen Säumen meines Bewußtseins entlang. Fülle mich nun stet wieder auf in neuen Wellen und mir scheint, ich war mir selbst mein Rubikon und habe mich durchschritten.

Nun ist die Welt wie auf den Kopf gestellt und anders erscheinen mir meine Horizonte. Weiter denn je und plötzlich ist so vieles möglich. Lauter kleine Wunder lassen mich lächeln, Abschiede geraten zum Fest und so wird dieses sich neigende Jahr nach einem friedvollen innigen Advent in Zauber sich manifestieren. Wie Schnee, der auf Rosenknospen ruhen will.

Bittemito war mir ein Zeitchen ein guter Begleiter, die Menschen, deren Weg ich schreibend kreuzte haben Spuren hinterlassen und es ist mir ein Bedürfnis, einfach mal Danke zu sagen. Manche von euch bleiben in meinem Herz und ich denke sie warm und lieb an. So sind auch wir wie Rosen vom Schnee geküßt und von diesem Zauber nunmehr umfangen. Danke für die vielen fabulösen Wortwechsel und die mannigfaltigen Inspirationen, für die Denkanstöße und die purzelbaumenden Buchstabeneskapaden. Danke für die formidable Musik und die famosen Bilder. Und einen hopsfidelkapriziösknicksfeinröckeraffenden Dank für all diese Bonfortionösität. Wir lesen uns wieder. Irgendwann. Wenn wieder Rosen im Schnee erblühen.

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Erntedankzeiten

Nach endlos staubigen Tagen legt sich ein frisches Tuch auf die maroden Wiesen. Heiß und reich war der Sommer, seine Müdigkeit ist eine gerechte. Ich bin müde mit ihm und doch hellwach. Der alte große Strom hat sich ausgedünnt und volle Äste brachen, dürre geworden durch die Huld der reifenden Früchte. Unser Sehnen ist gleich diesen ausgezehrt, wir fühlen uns satt und zahm zugleich. Es war ein Sommer wie in Kinderzeiten und ich bin voller Dankbarkeit, während ich durch den ersten herbstlich anmutenden Tag reise. So viele Nächte haben wir durchtanzt, hofige Monde mit Freude bestaunt und mannigfaltige Wasser netzten unsere heiße Haut. Viele kleine Sommerglücke konnten wir mit lieben Menschen teilen und dieses Licht bannte jeglichen Schatten bis hierhin. Ein zartes Gespinst aus Wehmut legt sich um meine Seele, es gleicht dem tuchigen Nebel, der sacht die staubigen Felder küßt. Ich möchte barfuß in ihm weiter tanzen, denn meine Sohlen flammen durch des Sommers befeuerte Hitze. Doch die Ruhe des erwachenden Morgens kündet vom Ende der Sonnenlieder und so werde auch ich ganz still in ihm. Es ist an der Zeit, danke zu sagen. Ausgedörrtes Geäst fleht den sich rötenden Himmel um Gnade an und meine Wünsche wehen mit. Lautlos klingt ein Regenlied  in mir an und finalt das andere Ende meiner kleinen Welt mit einem Donnergrollen.

Taschentuchbaumurbantraum

„Ich glaube, in der Ignoranz des Menschen wohnt der Grund seiner Übelkeit.“ Mein Blick bleibt an sein elegantes Fingergelenk geheftet, das bei dem ausgerotzten Wort ‚Übelkeit‘ aprupt abknickte. ‚Er kann mit seinen Fingern sprechen‘, denke ich und lausche und sehe ihm weiter zu. Die Pause unseres Nachsinnens ist angenehm temperiert von Frühlingsdüften und diesen unvergleichlichen Klängen einer Weidemondnacht. Ich verspüre die Sehnsucht nach einer Rückspultaste für den Moment, nur um noch intensiver auf seine Fingersprache achten zu können. Die ‚Ignoranz‘ war vermutlich ein geradeaus gestreckter Mittelfinger und bei ‚Menschen‘ zeugte der Zeigefinger von Obacht. ‚Kleiner Finger, lache nicht!‘ denke ich unwillkürlich an diesen immer gültigen Spruch von Ominkel, der auch ohne dem drohenden ‚l‘ gesprochen seine Wirkung nicht verfehlt. Ein gütiger Spruch. Ich fange an zu kichern.

Augenblicklich übersetzen seine Hände die bebenden Laute meiner Schulterblätter, erspüren die giggelnden Konsonantentänze und fügen sanft streichend einige Vokale in ihrer so ganz eigenen Sprache hinzu, bis ich unter drei Tränen leise explodierend zu ihm aufblicke. „Ja,“ antworte ich. „Unsere Ignoranz wohnt uns inne. Und wirkt heilsam oder giftig. Das Maß zu halten, das ist unser Gebot.“

Vom Balkon des Nachbarhauses schrillt eine zänkische Stimme zu uns herunter, ein Telephon zerbirst die Nacht und irgendjemand schmeißt eine Kippe achtlos auf uns herab.

„Ich denke so oft an den Taschentuchbaum, wie es war, ihn mit meinen Füßen zu finden und wie er uns  dann kathedralte und dieses Licht…“ Seine Finger gedeihen bei diesen Worten meine Halswölbung an. Flüstern Fragen in mich, die ich nie beantworten kann. Ich seufze. Und dann sind wir eine Weile alle still.

 

 

Komm mit, komm mit…

Blaue Stunden umhüllen uns sachte und friedvoll. Trösten unsre wintermüden Augen und salben die nach Fülle darbende Seele mit diesem illustren Schein. Athmen sich tief in uns hinein und nehmen so unser Innerstes mit hinauf in die strahlende Kathedraligkeit. Noch singt der Wind seine sirrenden Choräle in das alte Ried, glänzen eisige Spiegel auf den müde sich dehnenden Wasserflächen. Doch das sich veränderne Licht bringt schimmernde Kunde von milderer Zeit. Die wässernen Spiegel necken uns blaupausig und die Bäume dunkeln ihr Geäst in den Spitzen, um bald, bald mit ihrem Grün dem blauen Baldachin zu huldigen. Ich erzähle Dir von den ersten Kiebitzen, die ich auf den sumpfigen Ederwiesen sah und Du lächelst mich wissend an. Komm mit, Komm mit flüsterst Du in den sinkenden Stunden, dann nimmst Du mich bei der Hand und wir strömen in das irisierende Blau.

Der Schneekönigin kaltes Zwinkern

Das träge Flügelschlagen des schwarzen Vogels hätte auch von großer Hitze kunden können und das flirrende Licht, das er querte, ebenso. Doch unser flacher Athem mit seinem Dunst und ein damit verbundener Bewegungsdrang waren fast Beweise genug für den endlich klirrend kalten Winter. Gestern Nacht hatten wir den strahlenden Orion bewundert, der triumphierend die schwangere Mondsichel über sich zu heben schien. Raus, nur raus, so raunten unsere wärmelahmen Körper in diesen lichten, bleuen Stunden und straften klamme Finger und tränendes Augenrund mitleidslos ab.

Unsere Füße tönten seltsam schöne Elegien auf den knirschenden Boden, Balladen des Winterglücks, die unsere Herzen heißblütig im Takt erfanden und subkutan die Noten weiter wärmend klingen ließen. Die Komposition aus Klarheit und Stille war just ein Wintertraum. Die stubenmüden Augen flossen uns über, Eiskristalle nisteten an unseren Lidern und nur die wärmende Fülle unseres gespeicherten Lachens bot augenwinkeligen Schutz vor der Schneekönigin kaltem Flirt. Und natürlich die Unermüdlichkeit unserer kardiagisch fleißigen Komponisten.

Abweisend kahlten Felsen in das Blau, umworben nur von schnell springenden Winden. Der Frost sprengte beflissen Risse durch die Ewigkeit in seinen ihm rar erscheinenden Stunden. Verwies alles Sein und Wachsen auf die hoffentlich kommende Zeit und wir wußten: Bald leuchten gelbe Sonnenküsse auf diesem harschen Stein und künden von der Linderung des Winters kaltem Husten. Das alte Lied machte uns lächeln, wir bewahren es in uns und geben es weiter mit jedem Moment unseres ahnenden Seins.

Auch des Flusses Herz strömte unermüdlich. Der schwarze Vogel war sein frequentierter Schatten und fing unsere wachen Sinne. Wir folgten ihm, bis ihn das bleierne Band des Stromes in sich barg und wandten uns wissend zueinander. Darf ich bitten, fragte dein winterklarer Blick und leise raunten meine Wimpern ein verneigendes Ja. Wir waren eine warme Insel inmitten der Winterpracht und so ganz stille Hitze in diesen kalten Februartagen. Vielleicht kündeten auch wir von wärmeren Zeiten und endlosem Licht. Genau in diesem einen Moment.