bittemito

Tag: Knoblochsippe

Dreimalhinsehdreizehnsinn

Minuten, Stunden und gar Tage verstoben zuletzt. Wir fühlten uns sicher in einer ureigenen Zeitblase umfangen. Vorgestern rief ich nächtens staunend die anderen herbei, hatte wohl meinen Zeitgeist überraschend verlassen: Der Dreizehnte mondete uns wolkenblinzelnd an.

Gestern strahlte für einen glückseeligen Blick der Mondenbruder über Fluss, Schleuse und Brücke. Warf dann seinen samtenen Vorhang aus Wolkengeflecht vor unsere applaudierenden Augen und verschwand.

Heute sah ich Zeitchen zuvor noch ein Leuchten, liess rasselnd wieder den Fensterladen hoch. Staunte still und stumm am offenen Fenster. Sandte Gebete jedweder Art für ein Mondenzwinkern hinaus. Nun ist nach Mitternacht. Meine Lieben und ich haben den dreizehnten Mond um vieles gebeten. Was davon in unsere Pupillen fließt, bleibt mondendes Geheimnis.

Seelengoldsilberglanzbronzelichtglück

Die Sonnenmilde schattierter Hochsommertage manifestiert sich in sachtem Bronze auf meiner Haut. Silbermondend schimmernd changieren launachtsgleich die feinen Härchen darin. Subkutan entsteht ein Diarium voller Wärmeromanzen, Sonnensujets, Lichtepisoden und Nobelnovellen. In mir werden Leichtigkeitseskapaden gewichtig und manches Kummermotiv federleichtet sich mit dem steigenden Gesang der Lerchen über den flirrenden Feldern. Ich notatiere unbewußt und entwerfe so nach innen lauschend mein ganz eigenes Bewußtseinsbrevier. Bronze und Silber auf meiner Haut. Gold in meiner Seele.

Und meine Seele im abendleuchtroten Kleid tanzte sich unter azurnen Baldachinen reich. Mit Freunden und Fremden, die Freunde werden können. So viel Goldsilberglanzbronzelichtglück.

Manchmal in Gedanken

Manchmal werden unsere Erwartungen nicht erfüllt und manchmal bekommen wir Geschenke, die wir so nicht erhofft haben. Manchmal ersehnen wir uns eine Einzigartigkeit, die eben genau nur manchmal funktionieren könnte. Manchmal ist uns ein stilles Fallen genug und manchmal können wir nicht ausreichend wild in die Pedalen treten. Manchmal glauben wir, in einem falschen Filme zu sein und sind dann doch manchmal die Hauptdarsteller. Manchmal träumen wir uns weit weg und sind uns näher als es uns manchmal erscheint. Manchmal ist es kurz vor zwölf und dennoch bleibt genau dann manchmal die Zeit ein klein wenig für uns stehen.

Und manchmal unterschätzen wir die Kraft der Gedanken. Allen Lesenden wünsche ich ein besinnliches, leuchtendes, verzaubertes und gesundendes Weihnachtsfest und einen fröhlich entspannten Jahreswechsel. Machen wir, jeder auf seine Art und Weise, das neue Jahr zu einem guten. Von Anfang an. Wenn auch manchmal erst nur in Gedanken.

Vom Singen fast vergessener Lieder

Die alten Schatten machen sich lang im Herbst. Und mit ihnen mein Sinnen. Gefühle kann man nicht widerrufen, sie zu spiegeln, das wäre ein wahrhaft reiches Unterfangen. Wie die klitzekleinen Flöhe aus dem Hühnerstalle, wo der Frieden unter weichem Gefieder und in glucksendem Nachtgeplauder wohnte; springen mich Erinnerungsdötzchen an. Der saure Duft von eingeweichtem alten Brote und der feine puderige Korngeruch, wenn man das Futter mischte. Die körperwarmen Eier in den Kinderhänden, behutsam unter dem fiedrigen Bauche wegstiebitzt. Ominkels Lächeln in den Augenfältchen, wenn ich scheinbar fleißiger beim Einsammeln war. Ab und an ein Staunaugen verursachendes weiches Fließei, rares Kleinod ohne den kalkweißen Schutz. Das raschelnde Stroh beherbergte das Gold des vergangenen Sommers.

Das immer zeitigere Verschließen der ebenerdigen Hühnerluken im sich neigenden Jahr und das vorherige Absuchen der tiefästigen knorrigen Apfelbäume auf der ganzen Hühnerhalbinsel nach Emma. Immer hieß das Huhn Emma, welches freiheitsliebend mehr hüpfend als fliegend einen Baum als Schlafstatt erkor. Und welches dann unter empörten Gekreische das weitere Stutzen der Flügel über sich ergehen lassen mußte. Eines Nachts dann doch Aufruhr im Stalle. Ich hatte wohl überm Spielen die Hühnerluken vergessen. Der Fuchs nutzte seine Chance. Das Entsetzen ob des Gemetzels mischte sich mit tief empfundener Schuld. Die Wucht dieser Empfindung schattiert noch heute meine Erwachsenenhaut.

Die alten Schatten machen sich lang im Herbst. Doch bange machen sie mich nicht. Ich brauche meine Schatten, um zu erkennen, wer ich bin. Tief in den Wassern ruht die Vergebung und ich singe gerne die fast vergessenen Lieder.

Mama Löwenherz zürnt mit Bedacht

Kind, liebes, was sagst du denn zur Wahl? Ja, ich suche auch nach Antworten. Hier bei Görlitz ist es ja ganz schlimm. Das hätte ich nie gedacht. Damals, nach der Wende, da haben wir erstmal alles geglaubt. Und mußten uns durchwurschteln, naja wie immer eigentlich. Aber das Dorf hier steht doch inzwischen gut da. Wir sind doch nicht die abgehängten, enttäuschten Ossis, von denen jetzt alle am rechten Rand stehen sollen. Nee, ich habe die nicht gewählt. Wie? Klar kenne ich ein paar. Die über dreißig Prozent müssen ja irgendwo herkommen. Was? Neee, denen gehts allen gut. Letzthin noch mit dem Eberhard gesprochen, der kriegt jetzt Vielfliegerbonus. Ganz stolz isser auch auf seinen neuen Suff. Lach nicht, die Ungetüme von Autos heißen doch so. Weilse soviel saufen, daß Beschiss vonner Fabrik her betrieben werden muß. Ab Werk. Wie? Hihi, genau, Manufaktur heißt das ja hochtrabend jetzt. Unzufrieden isser trotzdem. Fährt nach Polen zum Tanken und Einkaufen und meckert, daß sich das kaum noch lohnt, seitdem die Pollaken inner Eurozone sind. Sachter so. Und damit isser nich alleine. Obwohl der hiesige Bürgermeester sonen guten Stand hat. Im Gewerbegebiet sind nu alle Flächen vergeben. Und Brüderchen und Schwesterchen mußten wieder aufstocken. Was sachste? Klar, da warste och schon inner Kinderkrippe, die gibts immer noch und ist beliebt bei den jungen Leuten. Sicher müssense zum Arbeiten heute weiter fahren als wie früher, aber scheen zum Leben isses hier. Eingekooft wird eh im Internetz, die Dorfstraßen sind fast zu kleene für die breiten Zustellautos vonner Post und wer da noch so alles Pakete rumfährt… Wie bitte? Ausländer? Hör uff! Die paar fallen kaum auf und die Kaufkraft der schnieken Polinnen ist ja schließlich auch willkommen. Oder der Dönermann. Oder der vietnamesische Gemüsehändler. Oder… Was? Klar ist wieder Kirmes am Wochenende. Mit Eintrittsgeld. Und für fünfundzwanzig Euro sogar mit Essen von sonem neumodischen Grill. Der Vorverkauf brummt, sagt die Edeltraut. Schlagerabend. Naja. Kicher nich so, ist immerhin noch besser als die unsäglichen Oktoberfeste allerorten. Obwohl, so wahltechnisch sind wir Ossis ja nu mit den Bayern gemein…

Schön, dasste nu wieder lachst und ich mit. Könnte einem ja echt manchmal vergehen. Ja, wir sehen uns dann. Bis dahin und… ich hab dich lieb.