bittemito

Tag: Mama Löwenherz

Häuser aus Tränen

Jedes Haus besteht aus Tränen. Von Pupillenquellen gespeist und durch Zahmzähren gehalten bietet es Schutz und Heimat. Ich habe viele Heimaten und dennoch schmerzt jeder Blick zurück, wenn er mich den letzten deucht. Augenwassernd passieren die Erinnerungen, spiegeln sich verzehrend, verzerrend gar, wenn sie so lange flossen. Wo gute Geister in Augenspiegel tauchten und Wimpernvorhänge sich schwerend schlossen. Jedes Haus aus Tränen ist different gebaut, manche sind süßwassermild und doch lauern jammervolle Seufzersümpfe in ihnen. Andere klagen stürmisch salzend die Ewigtide an oder ihre Oberlichter zerspringen eisklirrend in tausend wehe Splitter. Es gibt auch die, die sind aus unstetem Augensand gebaut. Unfassbar in Gezeiten verloren.  Dieses ist meines. Ich werde es wie meinen Augapfel an meinen innerstenen Tränengestaden hüten.

Dreimalhinsehdreizehnsinn

Minuten, Stunden und gar Tage verstoben zuletzt. Wir fühlten uns sicher in einer ureigenen Zeitblase umfangen. Vorgestern rief ich nächtens staunend die anderen herbei, hatte wohl meinen Zeitgeist überraschend verlassen: Der Dreizehnte mondete uns wolkenblinzelnd an.

Gestern strahlte für einen glückseeligen Blick der Mondenbruder über Fluss, Schleuse und Brücke. Warf dann seinen samtenen Vorhang aus Wolkengeflecht vor unsere applaudierenden Augen und verschwand.

Heute sah ich Zeitchen zuvor noch ein Leuchten, liess rasselnd wieder den Fensterladen hoch. Staunte still und stumm am offenen Fenster. Sandte Gebete jedweder Art für ein Mondenzwinkern hinaus. Nun ist nach Mitternacht. Meine Lieben und ich haben den dreizehnten Mond um vieles gebeten. Was davon in unsere Pupillen fließt, bleibt mondendes Geheimnis.

Mama Löwenherz zürnt mit Bedacht

Kind, liebes, was sagst du denn zur Wahl? Ja, ich suche auch nach Antworten. Hier bei Görlitz ist es ja ganz schlimm. Das hätte ich nie gedacht. Damals, nach der Wende, da haben wir erstmal alles geglaubt. Und mußten uns durchwurschteln, naja wie immer eigentlich. Aber das Dorf hier steht doch inzwischen gut da. Wir sind doch nicht die abgehängten, enttäuschten Ossis, von denen jetzt alle am rechten Rand stehen sollen. Nee, ich habe die nicht gewählt. Wie? Klar kenne ich ein paar. Die über dreißig Prozent müssen ja irgendwo herkommen. Was? Neee, denen gehts allen gut. Letzthin noch mit dem Eberhard gesprochen, der kriegt jetzt Vielfliegerbonus. Ganz stolz isser auch auf seinen neuen Suff. Lach nicht, die Ungetüme von Autos heißen doch so. Weilse soviel saufen, daß Beschiss vonner Fabrik her betrieben werden muß. Ab Werk. Wie? Hihi, genau, Manufaktur heißt das ja hochtrabend jetzt. Unzufrieden isser trotzdem. Fährt nach Polen zum Tanken und Einkaufen und meckert, daß sich das kaum noch lohnt, seitdem die Pollaken inner Eurozone sind. Sachter so. Und damit isser nich alleine. Obwohl der hiesige Bürgermeester sonen guten Stand hat. Im Gewerbegebiet sind nu alle Flächen vergeben. Und Brüderchen und Schwesterchen mußten wieder aufstocken. Was sachste? Klar, da warste och schon inner Kinderkrippe, die gibts immer noch und ist beliebt bei den jungen Leuten. Sicher müssense zum Arbeiten heute weiter fahren als wie früher, aber scheen zum Leben isses hier. Eingekooft wird eh im Internetz, die Dorfstraßen sind fast zu kleene für die breiten Zustellautos vonner Post und wer da noch so alles Pakete rumfährt… Wie bitte? Ausländer? Hör uff! Die paar fallen kaum auf und die Kaufkraft der schnieken Polinnen ist ja schließlich auch willkommen. Oder der Dönermann. Oder der vietnamesische Gemüsehändler. Oder… Was? Klar ist wieder Kirmes am Wochenende. Mit Eintrittsgeld. Und für fünfundzwanzig Euro sogar mit Essen von sonem neumodischen Grill. Der Vorverkauf brummt, sagt die Edeltraut. Schlagerabend. Naja. Kicher nich so, ist immerhin noch besser als die unsäglichen Oktoberfeste allerorten. Obwohl, so wahltechnisch sind wir Ossis ja nu mit den Bayern gemein…

Schön, dasste nu wieder lachst und ich mit. Könnte einem ja echt manchmal vergehen. Ja, wir sehen uns dann. Bis dahin und… ich hab dich lieb.

Mariposa/organistrum/mandola/andro/momente

♥ Einwöchentlich nur die Entscheidung, die jüngst kennengelernten Musiküsse zu engagieren, um aus purem Tagwerkstreß einen formidablen Nachmittag zu machen, schietegal zunächst die knappe Zeit der offertlichen Bekanntmachung und die zusätzliche Aufhalsung von Gastgeberverbindlichkeiten. Ein Fest soll es werden. Mariposa heißen der Barde und die Lerchensanggleiche.

♥ Fast zeitgleich die Entscheidung eine Fee dabei haben zu wollen, nicht irgendeine, sondern die karfunkelige. Rückblickend der schönste Start in einen sonnigen Tag mit Knappquerung und retoure in den orangesinnigen Teutowald. Dazwischen lagen Stunden voller Lachen und Flinkfüßigkeit. Ein Fest war dieses schon alleine. Danke für Deine Hilfe, Du Funkellachzopfzurückschmeißerin.

♥ Schon die ersten Töne eines seltsam anmutenden Instrumentes bannten unsere Lauschläppchen und die der erfreulich vielzahlig anwesenden Gäste. Liebstmenschen, Freundlichstgesonnene und Wildfremde bildeten ein poröses Zuhörgeflecht, dessen gemeinsames Erleben des klangerfüllten Hinterhofes die Synapsen lächeln ließ. Organistrum heißt das Tönewunder und dieser Name ist Programm:

♥ In allem Notenmenschgewusel den Überblick zu behalten war mir ein schmalgratiges Vergnügen und selbst verspätete Tschuldigungsgebinde gelangen bonfortionös. Die zwinkerlächelnden Juchzer galten dem augenwinkeltaligem Barden und der zweibeinigen Lerche, deren Gesänge sich in den blaublanken Himmel spiralten. Und meinen Herzensmenschen. Auch der einen, die ganz woanders weilte. Eine Mandolaklanglänge dachte ich nur an Dich:

♥ Für diese geballte Lebens- und Liebensfreude war an diesem Ort schier zu wenig Platz und so tanzten wir vom Hinterhofe kleinfingerhäkelnd durch den bonfortionösen Gang bis auf die Straße. An Dro am hellerlichten Tage zu tanzen, kopfschüttelnd forderte der Barde eine schnellmöglichst folgende Abendveranstaltung ein. Ein Fest-noz im provinziellen Hinterhofe, ja, das paßt zum Floratelier, wo eh immer wieder Wunder geschehen.

♥ All die stillen augenwassernden Momente zwischendrinnig, da man pupillenspiegelig den eigenen Herzimpuls erblicken konnte, weil er fühlgeteilt im gleichen Rhythmus bebte und kein Wort dies eigentlich beschreiben kann; sie sind mir subkutan eingewoben und parfümieren mein weiteres Sein und Wirken. Danke, du wundersames Leben.

Brauntropfen- Mutter weint (Farbstudie II)

Die Bernsteinkette meiner Mutter kam mir vor wie aufgefädelte Honigtropfen, die sie mühsam salzend ihren Augen abgerungen und dann seltsam erstarrt an Silberringlein fixiert hatte. Man erklärte mir die Herkunft des Bernsteins in der Schule, ich habe es sogar selbst versucht ihn herzustellen. Gleichwohl wußte ich schon beim Abkniepeln des Harzes vom Kirschbaum, daß das nicht stimmen konnte. Im Bache, in einer zerschnittenen Nylon schwimmend, fand ich nach ein paar Tagen die schwarzschmierige Bestätigung: Es fehlte die Salzwassermühe. Mitsamt der benötigten Zeit.

Damals wußte ich noch nicht, daß man Erinnerungen auch tränend salzreifen konnte, doch der Wunsch nach einer solchen schimmerigen Kette verließ mich nie. Die Ahnung von heller werdenden, sich versüßenden Honigtränen verstärkte sich jedoch bei jedem Blick in die Karamellaugen meiner Mutter. Sie waren nie rotgeweint wie bei Oma oder anderen vorschnell gealterten Frauen im Dorfe, sie schimmerten lichtwehend wie die Dünengräser in den hochsommerigen Flirrwochen an der Ostsee. Winters hingegen oder eben auch heimatlich glücklich maronten sich ihre Pupillen zu warmer Liebkosung gleich tiefster Herkunft und Überzeugung, genau da zu sein, wo sie sich langsam entsalzen konnte.

Es waren ihre Honigaugentropfen, die mir viel zu groß versilberkettet über die dürre Jungmädchenbrust floßen und um die ich sie beneidete. Sie salzte sie erneut augenwassernd, bis sie mir verstandeserträglich wurden und nur süße Erinnerungen fürderhin hell mir schienen. Eine solche Kette, wie töricht war es; sie jemals zu neiden!