bittemito

Tag: Nachtmahr

Vom Sog des Friedens

Ich mag nicht schreiben in Zeiten, da Sätze wie Granaten hageln und ein einzelner Buchstabe einer Patrone gleicht. Auslöschen, vernichten, die Trichter der Unvernunft kratern sich aus und wehe, du bewegst dich eben an den Rändern. Der Sog ist stark, ein falsches Wort, ein schwebendes Zeichen…~ die Balance ist hinfort. Krieg tobt in jedem von uns. Gut und Böse. Das Bild vom Wolf, den wir in uns füttern, es ist falsch. Denn Wölfe sind beides nicht. Sie sind einfach Wölfe. Doch scheinbar brauchen wir Menschen solche Denkbilder, um nicht ganz den Glauben an uns selbst zu verlieren. Gut sein wird nicht erst jetzt medial korrumpiert und das Böse schuf immer schon Neues. Die Geschwindigkeit und der Rausch der Aggression, diese söllten uns das Fürchten lehren.

Heute saß eine sehr dünne Frau schluchzend in unserem Garten. Das Hoftor stand wie immer offen, ich ging, um Wäsche zu hängen. Da sah ich sie und hielt inne. Wie ein geprügelter Hund sprang sie auf und bat um Verzeihung. Die schönen Blumen, die bereiteten Beete, sie habe ihre Fassung verloren. Gärtnerin sei sie einst gewesen, bevor…. Ihr flirrender Blick war Antwort genug.  Ich bot an:  Ein Glas Wasser, noch ein, zwei Momente im Garten. Ein Brot vielleicht? Brauchen Sie anderweitig Hilfe? Das Wasser und die Gartenpause nahm sie an, trank durstig. Setzte sich wieder auf die sonnenwarme Bank. Hielt für sich selbst wispernd Rat. Ich wartete stumm. Nein, nichts essen. Entzug tut weh im Bauch. Sie wolle zurück nach Frankfurt.

Ich begleitete sie in Richtung Bahnhof und ließ sie gehen. Das Bewegen an den Rändern der Vernunft ist so fragil. Wie das Schreiben über Krieg und Frieden.

Ich erfuhr Einzelheiten über die Ertrunkenen in der Ostsee während des kalten Krieges. Diese Bilder teile ich bewußt nicht hier mit Ihnen. Seit Jahren ersaufen Menschen im Mittelmeer. Diese Bilder könnten wir alle tagtäglich wahrnehmen. Jetzt wurde ein Krieg heiß geschürt und wir legen unseren berechtigten Zorn noch obenauf.

Der Sog des Friedens möge in unserem Inneren wirken.

Häuser aus Tränen

Jedes Haus besteht aus Tränen. Von Pupillenquellen gespeist und durch Zahmzähren gehalten bietet es Schutz und Heimat. Ich habe viele Heimaten und dennoch schmerzt jeder Blick zurück, wenn er mich den letzten deucht. Augenwassernd passieren die Erinnerungen, spiegeln sich verzehrend, verzerrend gar, wenn sie so lange flossen. Wo gute Geister in Augenspiegel tauchten und Wimpernvorhänge sich schwerend schlossen. Jedes Haus aus Tränen ist different gebaut, manche sind süßwassermild und doch lauern jammervolle Seufzersümpfe in ihnen. Andere klagen stürmisch salzend die Ewigtide an oder ihre Oberlichter zerspringen eisklirrend in tausend wehe Splitter. Es gibt auch die, die sind aus unstetem Augensand gebaut. Unfassbar in Gezeiten verloren.  Dieses ist meines. Ich werde es wie meinen Augapfel an meinen innerstenen Tränengestaden hüten.

Gnadennebel

Eben möchte ich in deinen Nebeln leben,

mich verdingen an deinen milden Dunst.

Du hast mir mehr als dein Licht gegeben,

warst heller in deiner wahrhaften Gunst.

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Senkst dich gleich kaschierendem Grau

hinab auf meine so lodernd dunkle Seele.

Umfängst mich sicher wärmend und lau.

Ein Wunsch: barmt meine bange Kehle.

~~~

Gewähre mir das Talent deines Sehens

doch bewahre mich vor dieser Sehnsucht.

Alles, was außerhalb uns’res Geschehens

ist nicht abbildbar, ergreift die Flucht.

~~~

Mild und leise sind mir deine Besuche,

mahrfrei und in reine Gnade gewoben.

Lege mich gerne in solche Traumtuche

aller Hader deucht mich aufgeschoben.

~~~

Nebel, meine Liebe singe ich raunend

durch deine changierenden Schleier.

Du umhüllst mich so sachte daunend,

dass meine Seele wird weit und freier.

~~~

So möchte ich in deinen Nebeln leben,

wohl geborgen zwischen Tag und Nacht.

Mag dir die ängstlichen Stunden geben,

die unzählig ich zuvor bang durchwacht.

 

 

 

Amberouvertürenatemübernahme

Wie ahnen können von den fanfarigen Wellen, die unhörbar durch den ganzen Körper eine vollkommen neue Ouvertüre komponieren? Gleich dem unübersetzbaren aber absolut hinreißend gezeichneten Notenblatt eines fremdtraut bewunderten Musikers, dessen ohrwärtige Pfade nur einsinnig verstanden werden können, weil zunächst dieser eine Sinn nur verständlich in einem zu vibrieren beginnt. Der geschlossene Wimpernvorhang kündet bebend vom Augenscheinfieber und selbst ein vorsichtiges Lugen bricht mit einem tosenden Seufzen sich selbstbrechend genügend aus dem innersten Geklinge heraus. Poriger Applaus quillt dann rotsüßeisend auf und subkulturiges Stillpulsen kaskadiert mit dem Seufzathem, freiwild sich weitergebend zu teilen. Töne, deren Ursprünglichkeit fast beängstigend pur und unbändig erscheint, wiewohl in ihrer natürlichen Art nur allzu selbstverständlich; klingen just auf in diesem Stöhnmoment. Es könnte tiefste Trauer sein oder höchste Extase, die diese Sinnensinfonie aus sich heraus gebiert. Ich bebe wie ein hundertbetanes Orchester und bin doch nur mein ganz eigenes Instrument. Gestimmt allein durch einen tausendtrauten und gleichwohl ambivalenzigen Bernsteinkuß.

Flüsterschallwellenfühlen

Kaum hörbar dezibelen sich Kosesilben den alten Namen behutsam umbettend kopfseitmittig  in das Bewußtsein ein. Mehr athemahnend als lautsinnig addiert die zarte Ohroberfläche die leisen Laute zu diesem wandernden Streicheln und subkutant das entstandene Sanftbeben in sich hinein. Phone entsegmentieren sich und Konsonanten entwirbeln ihre Stimmstürme zu sachtem Hauchen. Innerkopfig stimmen die Synapsen sich ein, daraus einen Kanon entstehen zu lassen, der sich überlagernd nie enden möchte, während zarte Hauthügelchen wellend die gestreckten Halsflächen entlang bebend sich räuspern zu scheinen. Die inneraderigen Noten oktavieren sich tiefer und tiefer, queren sachte die Brust und bauchwärts bleibt ein sattes Brummen, gerade so als wäre man selbst ein vibrierender Klangkörper in diesem Momente geworden, ein einziges zartgespanntes Trommelfell. Ein Staunen ob des wohltuenden Echos, das dieser schier vergessene Name hinterläßt, quillt in mir leise auf und mit ihm salzgutes Augenwasser. Ich kann diesen Namen lieben. Und mit ihm dich. Flüsterschallwellenfühlend.