bittemito

Tag: Spiegelbild

Vor einem Jahr ~~~ Januar

Die Menschenmasse war schier unüberschaubar, doch wir durften dank unserer lange vorher gebuchten Tickets an der zischenden und sich windenden Schlange vorbei. Privileg der Ahnungslosen, das wir hatten. Drinnen tobten bereits spürbar die Vorboten der apokalyptischen Vier, nun waren wir unleugbar ein Teil davon. Aber das ahnten wir nur vage. Gingen instinktiv gegen die massiven Ströme, nahmen andere Wege. Durften exclusive Augenblicke genießen und wähnten uns in lässiger Sicherheit. Doch die Erkenntnis tobte unter unserer Haut: Diese Massen, das Gedränge, die knipsende Begierde nach dem schnellen Kick im Klick; das kann nicht mehr lange gut gehen. Viele der Menschen sahen nicht hin, sie wollten gesehen werden. Wir verließen diesen Reigen schnell. Van Gogh to go. So gut gemacht und so unfassbar missverstanden.

Wieviel Tränen wohnen in einem einzelnen Blick?

Städel Frankfurt Ausstellung Van Gogh Januar 2020

Luna & Venus

Ein ultramarines Flüstern senkt sich auf die dämmernde Erde herab. Schau, ein wiegendes Leuchten ist in Lunas Hüften, in diesem langsamen Schreiten unter dem himmlischen Baldachin. Umhüllt von königlichem Lasurit schwebt sie ihrer venusischen Freundin entgegen. Die Schöne wartet strahlend, als wöllte sie die Nacht gänzlich mit Liebe ausleuchten. Ein Kuß, fast gehaucht durch Dimensionen. Mild illuminiert raunen Bäume uralte Weisen und in Blütenkelche wispert sich das mondene Flüstern hinein. Eine zarte Antwort manifestiert sich vor meinem Fenster, den luminösen Liebenden zugewandt. Sehend vernehme ich die leise Bitte: Vergißmeinicht.

 

Fliederleichtreiseleiseliederlicht

Dieses Geschaume aus Farbe und Duft überprächtigte unsere Sinne. So karg der Winter, kalt, rein und licht; umso üppiger umsommerte uns pötzlich ein schier zu spät erwachender Lenz. Tage sonnten sich hitzig, die blauen Stunden flüsterten Novellen in leichter Flirtigkeit und nächtens zog der hohe Mond die Triebe gen Arkadien. Wir waren voller Staunen wie Kinder und entdeckten uns eine neue alte Welt. Rochen Bärlauch, noch bevor wir den grünen Waldteppich betraten, nüsterten lilafarbene Hagen, die über sprießende Flure wachten und verneigten uns mit bebenden Wimpern vor diesen Gemälden aus Lebendigkeit und Lust und manchmal, manchmal tauchten wir tief in sie hinein. Ein weißes Bouquet erbat ich mir als Reisebegleiter, als ich Dich und diesen kurzen Sommertraum verließ.

Mit ihm flog unser Lächeln über das Land und mitunter bekam ich es sogar lichtleicht zurück.

 

Wie Wasser fließen wir

Die Türe fiel sanftklingend zu, so wie sie es schon tausendtraute Male tat und doch besonders einzigartig timbriert. Ein Klang, wie wenn ein Berg ein Echo ersehnt. Einen Blick noch über den Hof und dann vereinsamten meine Augen sich. Der Ton klang nach, verlautete sich hallend zu einem schier unerträglichen Rauschen in meinem Kopf und schwoll dann kaskadend durch meine Sinne. Als die Augen würzig die plötzliche Fadheit der Einsamkeit benetzen wollten, fiel mir mein immeriges Versprechen ein: Drei Tropfen, nicht mehr müssen es sein. Drei Tropfen menschlicher Kostbarkeit, die ich unter dankbarem Lächeln verströme. Denn wie Wasser fließen wir durch uns, zueinander und schließlich ineinander hinein. Wollen uns unsere eigene Quelle sein, in der wir uns jungbrunnig aneinander erneuern. Ich gehe mit einer nassen Spur auf dem Rund der Wange zum Brunnen, den du erst gestern bereinigt hast und erkenne deine Wasser in den klaren Kreisen, die mein Spiegelbild befloren, es zitternd verschwommen machen. Des Bornes Flüstern echot deine lieben Worte. Und du bist bei mir, in jeder Träne, jedem Labsal und in jedem tropfendem Applaus. Es beginnt zu regnen.

 

 

Solebensfestlichtrunkjubeltanzfledaroneben

Und plötzlich dieses Sommerflirren, als hätten die Pupillen dem Pappelflüstern die Sinne zum Tanze geliehen. Eine juchzende Gavotte vielleicht, mehr subkutan vernommen und sogleich preziösiert oder doch nur ein leises hüftwärtses Wiegen zum Anlandklang zartester Wellen? Ein sirrender Flügelschlag, dessen Wahrnehmung schier irritiert und ein trunkenes Taumeln fledarönischen Festes im sinkenden Abendlichte. Ein Baumgemurmel wie fernes Uraltwissen als Schallseufzen vernommen und die eigene Brust mit Ahnung geflutet, so sehr, daß dieses Sprengenwollgefühl den Athem korsetten muß. Harrend der Ablösung durch zehenspitziges Departüren mit gespanntem Öffnen der Schulterblätter. Weit, nur weit hinauf spiralisieren mit diesem wundervollen Sommertrunk kapillarisch bestofflicht, nur um zu erkennen, was die Augen nicht zu glauben vermögen und eigentlich nur in uns selbst sehnend flirrt: Leben… eben.