bittemito

Tag: Vertrauen

Junikäferuntermpankowmondjubel

Die Junikäfer tanzen spät in diesem Jahr. Beim Abendwässern im Garten bassen sie die hellen Kaskaden, die aus der Gießkanne tropfen. Kaum sehen kann ich sie in den bereits dunkelnden Stunden, aber lauschen will ich ihnen. Stelle meine Kanne ab, bündele meine Sinne.

Mückchengesirre, eine späte Amseltirade und wieder ein Brausen voll müdgewordener Lust. Einer streift mich, kämmt sich durch meine ebenso müden Haare. Händisch helfe ich und muß herzvoll lachen. Schicke ihm gen Dämmerlicht einen Gutwunsch hinterdrein und ergreife wieder die Kanne. Denke mich zurück in vergangene Junimonate.

Zuerst in jenen, als ein voller Mond mich Johanniskraut um Mitternacht finden ließ. Zurück zu dem durchtanzten Juni von vier Hochzeitswochenenden. Sehe mich im Hinterhof unterm Sternenhimmel mit Freunden plaudern. Zeitchen zuvor in einem anderen Garten. Der innere Bass der Traurigkeit zupft seine ureigenen Saiten an.

Eine neue Heimat offerierte sich unverhofft juniflirrend. Ich bewege mich zwischen und in den Strömen. Summe mit Rio seine leise Hymne vom Junimond. Die habe ich lange nicht in meinen Sinnen bewegt. Die hiesigen Junikäfer verklingen mit meinen Erinnerungen. Im Haus tönt Pankow an. Für mich die eine Juniliebe, geht nie vorbei: Ich will tanzen. Wunderbar, so durch die Zeiten zu fliegen.

Die Junikäfer tanzen spät in diesem Jahr. Aber hey! Wir tanzen!

Vor einem Jahr – März

Im März des letzten Jahres schrieb ich endlich wieder. Die vorsorglich erzwungene Ruhe fügte sich zu Möglichkeiten. Erst fing ich Floralbilder ein, verstand die Kunst der Photographie ein weiteres Mal. Und erneut nur minimal. Licht in quarantären Räumen, das Lust entflammt. Nie zuvor habe ich Blumen mehr de-rangiert. Und somit ihre und meine Lust geteilt.

Diese geteilte Freude barg Hoffnung unter ihren blütenen Fittichen, ein Versprechen gar. Gewachsen ist meine Esperança nicht. Zuviel ignorantes Kalkül und loderndes Getue maßen sie ungebührlich ab. Sie balancierte von jähem Geloder über zitternde Fragen zu kaltstarrem Entsetzen. Und fand wieder und wieder den Weg zurück. Klein ist meine Hoffnung geblieben. Aber ich fühle sie.

Nun ist erneut die Zeit des Baumblütenschnees. Ich schreibe wieder weniger, fühle aber umso mehr. Sehe die Blüten hingebungsvoll erscheinen. Jede einzelne als pure Lebenslust und somit immerhin eine Möglichkeit.

Menhirsuchtirminsul

Ein ewiger Wächter, der durch Epochen reist und Bitten und Opfer in seinen megalithischen Adern birgt.

Es braucht noch viele Dankgebete, um den uralten Wunsch nach Dreieinigkeit zu erfüllen.

Himmelsblaumetamorphseide

Tarsun welkt spürbar in ihrer bisherigen Seidigkeit. Schon zwei Wochen Absenz reichen zur offensichtlichen Veränderung. Sie scheint sich zu verpuppen, rundet sich und verliert ihre libellige Behendigkeit. Nur Zorn pulst noch manchmal nackenhaarsträubend auf. Die zarte Falte zwischen ihren feingeschwungenen Augenbrauen hat sich verkratert und fordert Bestand.  Ihre vertraute Lieblingshaltung eines ruhenden Buddhas schafft sie kaum noch einzunehmen, zu arg ist der Verlust der Bewegung.

Selten wogt ein Lächeln ihren kindlichen Unschuldsmund, statt dessen birst kehliges Weinen die bereits gesponnenen Schichten Einsamkeit. Ihre Hände sprechen vermehrt in Zornesgesten. Sie formulieren Fragmente von Schmerz und Wut. Meine Antworten bleiben stumm, wie könnte ich sie ihr denn angemessen übersetzen? So bleiben meine Erwiderungen als Ahnung bei mir.

Ins große Blau hinaus ließ ich heute meine eigenen Fragen fließen. Horchte plötzlich auf. Ein Geraune, das sich zum Rascheln aufbäumte. Geflatter vielleicht, ich äugte nach Vögeln. Schaute den Wingert hinauf, spähte in jedes Gereih von kahlen Reben. Da stoben Himmelsstürmer wispernd hoch ins strahlende Blau, reigten sich. Verneigten sich dann taumelnd hin zum Anfang ihres wilden Treibens. Trockene Weinblätter im Aufwind des südwestlichen Hanges, befeuert durch das Strahlen der Sonne.

Da hatte ich meine Antwort. Metamorphose. Gestalt, Form und Funktion verändern sich. Werden zu kleinen Wundern, die man nicht sofort erkennt. Davon will ich Tarsun morgen schweigend berichten. Es gibt Veränderungen, die bedürfen weder lauten Geschreies noch ständiger penetranter Wiederholung. Oft reicht ein einfaches Da-Sein. Ein Geschenk des Himmels.

 

 

 

 

 

Liedmitsingsegen

Und dann sang ich plötzlich mit bei diesem unsäglichen Lied. Zum ersten Mal, denn ich mochte es bereits als Fünfzehnjährige nicht. Bekomme es dennoch alljährlich vor Weihnachten in die Ohren geschmiert Scheißliedchen, was es ist! Gut, ich sang es aus Gründen nur ganz leise mit. Gewisperte Freude über die Freude.

Ordnas neben mir vibrierte schon bei den ersten Takten in seinem Kindersitz. Sein schiefer Körper war fest verzurrt, doch seine Grashüpferbeine und die schlanken Arme mit den verbogenen Fingern schwoften los. Sein Köpfchen mit den unschuldig schönen Zügen eines Kleinkindes drehte sich mühsam ruckelnd zu mir. Die sonst tief ruhenden, fast zu Unnütz verdammten Pupillen leuchteten durch sein beschlagenes Visier hindurch. Begeistert zirpte er in seiner ganz eigenen Sprache seine Freude über dieses Lied hinaus. Sang den Refrain, vielmehr die Wortfetzen, die dieses Lied für ihn waren, lauthals mit. Stupste mich an: Los! Singstumi! Lachend ließ ich die Worte in meinen Mundschutz taumeln: Laaast Krissmas, ei gäv ju mei hard…

Zeitchen später begriff ich begeistert, dass Ordnas auch Metallica mag. Wir tanzten zarten Sitzpogo und ich half ihm behutsam, mit seinen flatternden Fingern eine Metalhand zu formen. So haben wir uns beide etwas beigebracht: Freude läßt sich am besten teilen.