bittemito

Tag: Vertrauen

Himmelsblaumetamorphseide

Tarsun welkt spürbar in ihrer bisherigen Seidigkeit. Schon zwei Wochen Absenz reichen zur offensichtlichen Veränderung. Sie scheint sich zu verpuppen, rundet sich und verliert ihre libellige Behendigkeit. Nur Zorn pulst noch manchmal nackenhaarsträubend auf. Die zarte Falte zwischen ihren feingeschwungenen Augenbrauen hat sich verkratert und fordert Bestand.  Ihre vertraute Lieblingshaltung eines ruhenden Buddhas schafft sie kaum noch einzunehmen, zu arg ist der Verlust der Bewegung.

Selten wogt ein Lächeln ihren kindlichen Unschuldsmund, statt dessen birst kehliges Weinen die bereits gesponnenen Schichten Einsamkeit. Ihre Hände sprechen vermehrt in Zornesgesten. Sie formulieren Fragmente von Schmerz und Wut. Meine Antworten bleiben stumm, wie könnte ich sie ihr denn angemessen übersetzen? So bleiben meine Erwiderungen als Ahnung bei mir.

Ins große Blau hinaus ließ ich heute meine eigenen Fragen fließen. Horchte plötzlich auf. Ein Geraune, das sich zum Rascheln aufbäumte. Geflatter vielleicht, ich äugte nach Vögeln. Schaute den Wingert hinauf, spähte in jedes Gereih von kahlen Reben. Da stoben Himmelsstürmer wispernd hoch ins strahlende Blau, reigten sich. Verneigten sich dann taumelnd hin zum Anfang ihres wilden Treibens. Trockene Weinblätter im Aufwind des südwestlichen Hanges, befeuert durch das Strahlen der Sonne.

Da hatte ich meine Antwort. Metamorphose. Gestalt, Form und Funktion verändern sich. Werden zu kleinen Wundern, die man nicht sofort erkennt. Davon will ich Tarsun morgen schweigend berichten. Es gibt Veränderungen, die bedürfen weder lauten Geschreies noch ständiger penetranter Wiederholung. Oft reicht ein einfaches Da-Sein. Ein Geschenk des Himmels.

 

 

 

 

 

Liedmitsingsegen

Und dann sang ich plötzlich mit bei diesem unsäglichen Lied. Zum ersten Mal, denn ich mochte es bereits als Fünfzehnjährige nicht. Bekomme es dennoch alljährlich vor Weihnachten in die Ohren geschmiert Scheißliedchen, was es ist! Gut, ich sang es aus Gründen nur ganz leise mit. Gewisperte Freude über die Freude.

Ordnas neben mir vibrierte schon bei den ersten Takten in seinem Kindersitz. Sein schiefer Körper war fest verzurrt, doch seine Grashüpferbeine und die schlanken Arme mit den verbogenen Fingern schwoften los. Sein Köpfchen mit den unschuldig schönen Zügen eines Kleinkindes drehte sich mühsam ruckelnd zu mir. Die sonst tief ruhenden, fast zu Unnütz verdammten Pupillen leuchteten durch sein beschlagenes Visier hindurch. Begeistert zirpte er in seiner ganz eigenen Sprache seine Freude über dieses Lied hinaus. Sang den Refrain, vielmehr die Wortfetzen, die dieses Lied für ihn waren, lauthals mit. Stupste mich an: Los! Singstumi! Lachend ließ ich die Worte in meinen Mundschutz taumeln: Laaast Krissmas, ei gäv ju mei hard…

Zeitchen später begriff ich begeistert, dass Ordnas auch Metallica mag. Wir tanzten zarten Sitzpogo und ich half ihm behutsam, mit seinen flatternden Fingern eine Metalhand zu formen. So haben wir uns beide etwas beigebracht: Freude läßt sich am besten teilen.

Zum dreizehnten Mond hin

Zwölf Monde erhellten unser ruhendes Dunkel diesjährig bereits. Der dreizehnte bringt uns ans Ende eines Jahres, welches entblößt und wahre Gesichter zeigt. Ein Jahr der Offenbarungen. Gezeiten ändern dich.

Heute in der diakonischen Einrichtung. Nach vierzehntägiger Quarantäne ist sie wieder für externe Seelen geöffnet. Der Betreuer, der meinem Schützling zugewiesen ist, sieht müde aus. Berichtet schlagwortartig, es ist keine Zeit für lange Umschreibungen: Dreiundreißig Klienten, zwanzig Mitarbeiter, alle infiziert. Krisenmanagment funktioniert bis an alle möglichen Grenzen. Halbehalbe zwischen leichtem und schwerem Verlauf. Zwei intubiert. Keine Todesfolge bislang. Er schluckt, mir steigt Augenwasser auf. Er liest die darin schwimmende Frage, nickt und sagt: ‚Klar machen wir weiter, was denn sonst…‘ Ich antworte bebend: ‚Bis morgen… und Danke.‘

Während die einen Mensch bleiben als soziales Wesen, leugnen andere unabdingbare Notwendigkeiten. Bringen sich und andere unnötig in Gefahr. Es macht mich fassungslos, was Wohlstand aus uns zu machen vermag. Noch die kleinste freiwillige Einschränkung trifft auf harschen Widerstand. Manche fühlen sich gar als Opfer, wähnen sich diktatorisch beherrscht. Was bleibt uns denn als Gemeinsamkeit? Reden. Schreiben. Verstehen. Und beten.

Ich bete zum dreizehnten Mond der Milde, er möge Erbarmen in sein Strahlen legen. Und Weisheit. Sende Bittworte an Jupiter und Saturn, sie mögen uns mahnen in ihrem innigen Kusse gerade in diesem Jahr. Und ich denke die gut an, die trotz Sorge für uns sorgen. Ich glaube an die Menschlichkeit, immer.

Das Herz kriegt keinen Schnupfen

Die Tomatensträucher entblößten sich im kühlen Novemberlicht. So viele Früchte noch grün gewölbt, leicht errötet in raren Sonnenstunden. Gilbendes Laub darbte von Schutz- zu Schatzmeister, bis drohende kalte Nächte mich Sonnengut bergen ließen.

Zeitungen, deren Ungeheuerlichkeiten ich meinen Pupillen verbat, horteten plötzlich  unreifen Luxus und gewährtem ihm die nötige Zeit. Schnee von gestern bettete unsere Sonnenkinder und all die gedruckte Narrheit legte sich schlafen.

Zeitchen vergingen, Geduld ruhte wie eine schnurrende Katze am warmen Ofen und draußen leerte der Spätherbst Beete und Rabatten. Die Natur gibt keinen Nachlass, sie hat noch nicht mal Listenpreise. Alles ist ein Geschenk.

Ein Sommeressen Ende November. Thymian, Oregano und Basilikum sind draußen unter Glas geborgen, ich eile durch den kaltnebeligen Abend. Ziehe zurück in der duftschwangeren Küche fröstelnd die Schultern hoch. Warm macht mich Dein Blick.

In Deiner Stimme schwingt die Sorge mit. Bitte nicht erkälten, bitte nicht jetzt. Im Kerzenlicht leuchtet unser Sommergut. Sommerglutgut so rot. Der Geschmack lässt das Augenwasser aufsteigen. Und ich sage leise: Egal, was noch kommt ~ das Herz kriegt keinen Schnupfen.

Libellenschwebeseidenstil

Tarsun spricht durch ihre Hände. Manchmal kann ich sie sogar verstehen. Die Laute, die ihren Mund verlassen sind nur in der Intensität deutbar. Ein kehliges Lachen, kurz ausgehustet wie ein eigentliches Verschluckgeräusch; läßt mich erleichtert mitlachen. Es bedeutet für uns beide, diesen kleinen Moment ist alles gut. Schon Zeitchen später will ihr kleines Gesicht in Verzweiflung welken. Und ihr Mund kann nur noch Schrei sein.

Tarsun spricht durch ihre Hände. Zeigend sprossen ihre geschlossenen Finger durch unsere Zweisamkeit. Meist folgt sie ihrer ganz eigenen Choreographie, ich staune stumm. Dreht sie die Handfläche in der Bewegung öffnend zu mir hin, möchte sie etwas haben. Nur um es eventuell abrupt abzulehnen. Ein Schrei und dann müde Verzweiflung. Doch nicht immer. Ich lerne von Tarsun, noch genauer hinzusehen.

Tarsun spricht durch ihre Hände. Sie hat feingliedrige, zarte Finger, die wie Libellen schweben können und eine fünfzigjährige Haut aus Seide. Wie immer warme Kinderhände. Manchmal legte sie diese wie zur Ruhe in die meinen. Derzeit nicht. Ich trage Handschuhe, das irritiert sie sichtlich. Manchmal quittiert sie mein Gesinge und Gemurmel unter der Maske mit Handgeflatter. Libellenpanik. Dann halte ich inne und sehe weiter hin.

Tarsun spricht durch ihre Hände. Ich will weiter lernen, ihre Sprache zu verstehen. Der Libellen schwebender Stil ist von seidiger Vergänglichkeit.