bittemito

Das Herz kriegt keinen Schnupfen

Die Tomatensträucher entblößten sich im kühlen Novemberlicht. So viele Früchte noch grün gewölbt, leicht errötet in raren Sonnenstunden. Gilbendes Laub darbte von Schutz- zu Schatzmeister, bis drohende kalte Nächte mich Sonnengut bergen ließen.

Zeitungen, deren Ungeheuerlichkeiten ich meinen Pupillen verbat, horteten plötzlich  unreifen Luxus und gewährtem ihm die nötige Zeit. Schnee von gestern bettete unsere Sonnenkinder und all die gedruckte Narrheit legte sich schlafen.

Zeitchen vergingen, Geduld ruhte wie eine schnurrende Katze am warmen Ofen und draußen leerte der Spätherbst Beete und Rabatten. Die Natur gibt keinen Nachlass, sie hat noch nicht mal Listenpreise. Alles ist ein Geschenk.

Ein Sommeressen Ende November. Thymian, Oregano und Basilikum sind draußen unter Glas geborgen, ich eile durch den kaltnebeligen Abend. Ziehe zurück in der duftschwangeren Küche fröstelnd die Schultern hoch. Warm macht mich Dein Blick.

In Deiner Stimme schwingt die Sorge mit. Bitte nicht erkälten, bitte nicht jetzt. Im Kerzenlicht leuchtet unser Sommergut. Sommerglutgut so rot. Der Geschmack lässt das Augenwasser aufsteigen. Und ich sage leise: Egal, was noch kommt ~ das Herz kriegt keinen Schnupfen.

Adventspezialansinnenappetenz

‚~~~Hiermit, Sie oberallerfingerfertige Blumenverwandlerin, bestelle ich einen Adventskranz gebunden aus Rosmarinzweigen und Feigenästen. Umwunden mit goldenen Seidenfäden, Hagebuttenstängelchen und Zanderflossen. Aufgehängt an Saffianfäden mit Schleifen aus Färberweid. Und nichts weniger. Und keine Kerzen, bitte schön.~~~‘

Zeitchen zuvor wurde mir dieser Wunsch von einem hochwertgeschätzten Herrn mit Hut angetragen. Natürlich eilte ich röckeraffend solch hohes Begehr zu erfüllen. Was mir auch fast gelang. Kein Zander gab freiwillig seine Flossen dafür her, was ich tiefherzig verstehe. Und auf Schleifen verzichtete ich aufgrund einer temporären Scheißschleifchenscheu.

Stattdessen fügte ich einheimisches Gehölz hinzu und als besonderes Kleinod meiner Wertschätzung eine kostbare Feder vom blauen Vogel der Glückseeligkeit. Rotbackenäpfelchen zieren den Kranz ebenso wie sie dem Pragmatiker als Wegzehrung dienen können. Die Feigen hingegen müßten noch mehr Sonne atmen für treffliche Verzehrbarkeit.

 

Allen Buchstabenballerinen und Letterngesellen wünsche ich einen ruhigen und friedlichen Advent. Besinnen wir uns auf unsere ureigene Kostbarkeit und dass dies uns manchmal zur Genüge reicht. Ein paar gute Worte, ein Lächeln, das in Pupillen schimmert und eine stille Dankbarkeit. So wunderbar gewichtig leicht.

Libellenschwebeseidenstil

Tarsun spricht durch ihre Hände. Manchmal kann ich sie sogar verstehen. Die Laute, die ihren Mund verlassen sind nur in der Intensität deutbar. Ein kehliges Lachen, kurz ausgehustet wie ein eigentliches Verschluckgeräusch; läßt mich erleichtert mitlachen. Es bedeutet für uns beide, diesen kleinen Moment ist alles gut. Schon Zeitchen später will ihr kleines Gesicht in Verzweiflung welken. Und ihr Mund kann nur noch Schrei sein.

Tarsun spricht durch ihre Hände. Zeigend sprossen ihre geschlossenen Finger durch unsere Zweisamkeit. Meist folgt sie ihrer ganz eigenen Choreographie, ich staune stumm. Dreht sie die Handfläche in der Bewegung öffnend zu mir hin, möchte sie etwas haben. Nur um es eventuell abrupt abzulehnen. Ein Schrei und dann müde Verzweiflung. Doch nicht immer. Ich lerne von Tarsun, noch genauer hinzusehen.

Tarsun spricht durch ihre Hände. Sie hat feingliedrige, zarte Finger, die wie Libellen schweben können und eine fünfzigjährige Haut aus Seide. Wie immer warme Kinderhände. Manchmal legte sie diese wie zur Ruhe in die meinen. Derzeit nicht. Ich trage Handschuhe, das irritiert sie sichtlich. Manchmal quittiert sie mein Gesinge und Gemurmel unter der Maske mit Handgeflatter. Libellenpanik. Dann halte ich inne und sehe weiter hin.

Tarsun spricht durch ihre Hände. Ich will weiter lernen, ihre Sprache zu verstehen. Der Libellen schwebender Stil ist von seidiger Vergänglichkeit.

Draussen im System

Ein kurzer Anruf und ich bin wieder Draussen. Draussen im System. Nach wochenlangem Drinnen, erst in selbstgewählter Quarantäne und dann freiwillig nur intervallig öffentlich unterwegs; bin ich wieder relevant für das System. Wobei meine Relevanz nicht wirklich dem System an sich nützt. Weil diese Charakterisierung einzelner Gruppen und den darin verankerten Menschen verdammt gefährlich ist. Kommt nach der Zweiklasseneinteilung bald die Unterscheidung in bedeutsame und unbedeutende Menschen? Und welches System könnte das für sich beurteilen?

Meine Relevanz besteht nur in der Funktion eines Bindegliedes. Als Betreuer für einen Menschen, der sich selbst nicht helfen kann. Zwischen Familie und professioneller Tagesbetreuung agierend. Nach wochenlanger Stagnation muß die Förderung von Menschen mit erheblichen Einschränkungen wieder anlaufen. Ich schlafe eine Nacht äußerst unruhig, grübele wie das in diesem Falle kontaktfrei ablaufen könnte. Und erkenne: Es geht nicht. Also muß medizinischer Mundschutz her, Handschuhe und vor allem ein konkreter Plan. Meine Relevanz ist am ehesten mein Verantwortungsbewußtsein.

Ein kurzer Anruf genügt und ich bin wieder Draussen. Rückblickend auf die Drinnenzeit kann ich reinen Herzens sagen: Ich habe das bestmögliche aus und in diesen Tagen gemacht. Danke für die virtuelle Begleitung, es war kwasi bonfortionös wieder hier zu sein.

 

Am seidenen Faden hängt zitternd mein Herz

Sensilibität ist es, die fehlt. Sensibilität im Umgang miteinander und vor allem in dem Konsum meinungsbildener Medien. Das war schon vor der Pandemie so und wird durch sie nur noch deutlicher. Weil Angst unsensibel macht. Wer sich ängstigt (und es ist sekundär, ob diese Angst tatsächlich begründet ist), sorgt sich nicht zartfühlend, sondern spielt Hau-Den-Lukas als wäre er auf der Kirmes. Hau drauf. Hinterfragen und vielleicht ein behutsames Einfühlen in die Sichtweise eines anderen scheint unmöglich.

Dabei gelingt es ja und manchmal erscheint es im Alltag wie selbstverständlich. Ein Lächeln in den Augen, eine einladene Geste mit den Händen oder einfach ein kurzes Abwarten entzerrt viele schräge Situationen. Und die unentzerrbaren können wir durchaus einfach mal so stehen lassen. Auch virtuell. Das ist aus Selbstschutz vielleicht sogar die bessere Entscheidung Denn wir alle haben ein Herz, das zitternd am seidenen Faden hängt. Passen wir gut darauf auf. Es ist kostbar.