bittemito

Meine Seele ist wiesenweisealt

Die Gatter meiner Seelenwiese sind schräg angelehnt. Locker und ungebunden. Keineswegs verschlossen. So muß meine Seele sich nicht haltlos flatternd vom Boden lösen, gleich den gezähmten Gänsen im Staketviereck. Deren feine Schwingen sind gestutzt, meine Seele aber kann in die Freiheit sich begeben.

Die Gatter meiner Seelenwiese sind ohnehin von uralter Natur. Sanft porös und verwittert unsichtbar. Umarmt von wilden Rosen. Geborgen in wendigen Clematisarmen.  Meine Seele fühlt ihre Gatter als fragilen Kokon, wie ein Kleid aus Daunen von Heckenbraunelle und Aar. So fühle ich meine Seele selbst. Erdwärts schützt die bloßen Füße Stoppelstroh in klackernder Rinde, von einer Eiche geborkt. Gen Himmel grüßt ein breitrandiger Hut mit Sternenmoos gebändert und von einer Lerchenfeder bekeckt. Ein Wams wärmt meine Seele, ein Wams aus Kanin mit Erlenknöpfen und in der aufgenähten kleinen Tasche bauchwärts steckt eine Uhr von Lindenleichtigkeit. Die Zeiger fügen sich nicht menschlicher Zeit. Mal sind sie Borsten vom wilden Schwein, mal kurze Eibennadeln. Oder strebende Weidenzweige. Wachsen jubilierend hinauf und senken sich passabel herab. So bleibt meine Seele frei in ihrer Zeit.

Meine Seele ist wiesenweisealt. Und ihre Gatter sind schräg angelehnt.

Stop Chasing Shadows

So viele Worte wechselten heute die Straßenseite, manche passierten sogar das ohnehin nur angelehnte Hoftor. Die Worte, sie enthielten Ruhe, Dankbarkeit und dieses leichte Flämmchen der Zuversicht. Kinderlachen in unbeugsamer Leichtigkeit, Altersweisheit in gewachsener Demuth und die Jahrgänge dazwischen wachträumten äußerst kreativ.

Unterm hoch steigenden Halbmondbruder passieren mich diese Worte erneut, während ich eigentlich nach eigenen ringe. Eine Melodie dämmert in mich hinein und ich fange an zu singen:

Alle diese schönen Dinge

Und dann sind da noch all die schönen Dinge. Selbst gefunden oder geschenkt bekommen. Ich nehme jedes einzelne in die Hand und erinnere mich:

Der bangig leere Rhein mit seiner Fülle von angeschwemmten und nun mürbtrockenem Gehölz. Der einsame Strandgang gegen die Februarwinde gestemmt und die Taschen bald voller Lochsteine schwerleicht. Glück wiegt nicht viel und ist so gewichtig. Die weitlichten Winterwanderungen durch sanftes Gehügel und in den Weinbergen seltsame Fundstücke. Immer wieder mal ein zartes Gefiedergeschenk von sachten Winden dargeboten. Die Gänge unter erstaunlichen Botanikmirakeln im universitären Garten mit präsentigen Wundersamen. 

Ich nehme behutsam diese füllhornigen Dinge und weide meine Sehnsüchte auf weiten Erinnerungswiesen. Schön, so reich beschenkt zu sein.

Lieberhierbleibereisefieber

Es fühlte sich an wie großes gemeinsames Luftanhalten. Die Ruhe vor dem Sturm. Der dann auch über uns hereinbrach. Aber anders als wir es je erwartet hätten. Nun wagen wir leise auszuathmen, behutsamer und demütiger als zuvor. Zumindest der größte Teil von uns. Diejenigen, denen der Mammon schon immer das wichtigste in ihrem armseligen Leben war, die werden es nur noch wilder treiben.

Wir anderen lernen Verzicht. Jeder auf seine Weise. Wir hatten eine kleine Reise geplant. Nun erinnern wir uns dankbar an alle die Feinstexpeditionen, die wir zuvor unternahmen. Schauen Photographien oder eine Dokumentation über diese Orte, die unseren Horizont erweitert haben. Und fühlen erneut die Freude anwellen, da gewesen zu sein.

Man kann auch noch ganz anders verreisen. An Orte, denen wir so nie gesichtig geworden wären, weil jeder Sehmann seine Blicke anders schweifen läßt. Wie zum Beispiel der famose Herr Autopict. Eine seiner Reisen beginnt hier: 60°19’11“ N 5°19’48“ E. Und verursacht Lieberhierbleibereisefieber.

Die sanften Herzschauer der Freude

Plötzlich kann man sich jeden Tag auf etwas Unerwartetes freuen. Dinge tun, die lange nicht in das Tagewerk passten. Postkarten aus eigenen Photographien erstellen und mit ein paar Grußworten versenden, zum Beispiel. Sich Zeit dafür nehmen. Überlegen, welche Karte zu wem passt. Den wohlvertrauten Füllfederhalter in den Fingern wiegen. In alten Adressbüchern stöbern und sich wundern, daß zunächst manchmal kein Gesicht mehr zum Namen erscheint. Zurück denken. Dankbar und mit dem feinen Schwung eines Erinnerungslächelns mit der Fingerkuppe den Schriftzug kosen. Den Namen ausstreichen. Vielleicht. Oder eine besonders schöne Karte auswählen und ein Dankesadieu schreibwispern. Möglicherweise aber auch eine Handreichung annoncieren. Nicht wissen, ob die Adresse noch stimmt. Und die Karte dennoch absenden. Bei anderen Adressen diese staunende Erkenntnis , wie nahe man sich nun ist. Räumlich. Den sanften Herzschauer der Freude genießen in der Flut der sich daraus anwellenden Möglichkeiten. Denn plötzlich kann jeden Tag etwas Unerwartetes geschehen.