bittemito

Taschentuchbaumurbantraum

„Ich glaube, in der Ignoranz des Menschen wohnt der Grund seiner Übelkeit.“ Mein Blick bleibt an sein elegantes Fingergelenk geheftet, das bei dem ausgerotzten Wort ‚Übelkeit‘ aprupt abknickte. ‚Er kann mit seinen Fingern sprechen‘, denke ich und lausche und sehe ihm weiter zu. Die Pause unseres Nachsinnens ist angenehm temperiert von Frühlingsdüften und diesen unvergleichlichen Klängen einer Weidemondnacht. Ich verspüre die Sehnsucht nach einer Rückspultaste für den Moment, nur um noch intensiver auf seine Fingersprache achten zu können. Die ‚Ignoranz‘ war vermutlich ein geradeaus gestreckter Mittelfinger und bei ‚Menschen‘ zeugte der Zeigefinger von Obacht. ‚Kleiner Finger, lache nicht!‘ denke ich unwillkürlich an diesen immer gültigen Spruch von Ominkel, der auch ohne dem drohenden ‚l‘ gesprochen seine Wirkung nicht verfehlt. Ein gütiger Spruch. Ich fange an zu kichern.

Augenblicklich übersetzen seine Hände die bebenden Laute meiner Schulterblätter, erspüren die giggelnden Konsonantentänze und fügen sanft streichend einige Vokale in ihrer so ganz eigenen Sprache hinzu, bis ich unter drei Tränen leise explodierend zu ihm aufblicke. „Ja,“ antworte ich. „Unsere Ignoranz wohnt uns inne. Und wirkt heilsam oder giftig. Das Maß zu halten, das ist unser Gebot.“

Vom Balkon des Nachbarhauses schrillt eine zänkische Stimme zu uns herunter, ein Telephon zerbirst die Nacht und irgendjemand schmeißt eine Kippe achtlos auf uns herab.

„Ich denke so oft an den Taschentuchbaum, wie es war, ihn mit meinen Füßen zu finden und wie er uns  dann kathedralte und dieses Licht…“ Seine Finger gedeihen bei diesen Worten meine Halswölbung an. Flüstern Fragen in mich, die ich nie beantworten kann. Ich seufze. Und dann sind wir eine Weile alle still.

 

 

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Schöne Botschafterin, die du bist

Flüchtige Iris, eminente Dreieinigkeit, deine Wunder zu beworten deucht mich die menschliche Sprache zu schlicht. Wie diese changierenden Dome benennen und wie das Fließen deiner seidenen Hüllen? Die Zartheit deiner faltenen Wogen und die samende Pracht in ihrem Leuchten? Deine Narben sind nackt und verhüllt zugleich, sie schauen zu dürfen läßt meine Blicke überfließen. Des Spiegels Grund erreicht meine Pupille durch dich und deine stumme Beredtheit siegelt das Verstummen meiner Lippen, geadelt bin ich von deinem sanften Odeur.

Nein, ich vermag dich nicht zu besingen, doch die Botschaften deiner Götter, die vernehme ich.

 

Fliederleichtreiseleiseliederlicht

Dieses Geschaume aus Farbe und Duft überprächtigte unsere Sinne. So karg der Winter, kalt, rein und licht; umso üppiger umsommerte uns pötzlich ein schier zu spät erwachender Lenz. Tage sonnten sich hitzig, die blauen Stunden flüsterten Novellen in leichter Flirtigkeit und nächtens zog der hohe Mond die Triebe gen Arkadien. Wir waren voller Staunen wie Kinder und entdeckten uns eine neue alte Welt. Rochen Bärlauch, noch bevor wir den grünen Waldteppich betraten, nüsterten lilafarbene Hagen, die über sprießende Flure wachten und verneigten uns mit bebenden Wimpern vor diesen Gemälden aus Lebendigkeit und Lust und manchmal, manchmal tauchten wir tief in sie hinein. Ein weißes Bouquet erbat ich mir als Reisebegleiter, als ich Dich und diesen kurzen Sommertraum verließ.

Mit ihm flog unser Lächeln über das Land und mitunter bekam ich es sogar lichtleicht zurück.

 

Lustbarkeitsschaluppenjubelillusion

Hätte, hätte, Ankerkette! Der alte Kahn knarzte unwirsch bei dem Gedanken daran, was alles aus ihm hätte werden können. Stattdessen moderte er hier als Landratte vor sich hin. Zillenmimikry statt Wonnegondel. Ach, was für ein Verhachungsnachen hätte er doch sein können! Sanft auf Glitzerwellen sich wiegen, vielleicht ’nen schnieken Anstrich in bleu. Oder meerjungfrauengrün. Frischholzbronzen! Die Vorstellung ließ ihn anwellend schaudern. Sanft lösten sich weitere Farbpartikel aus seinem maroden Rumpf. Ein Gutelaunenauen, eine Lustbarkeitsschaluppe oder eine Jubelbarke gar! Eine Spaßbarkasse… Ach, fast nicht auszudenken wären die Vergnüglichkeiten, die mit ihm stattfinden würden und manchmal bei Mondenschein, da würden vielleicht Liebende in seinem schwankenden Schutz zueinander fließen, so wie alle Zeit in Einigkeit zusammenströmt. Eine Juchzjolle wäre er dann, die Nummer Sechs der Kurparkkanus womöglich. Dieser Traum ließ den alten Kahn in seiner ländlichen Ruhe sanft dümpeln und dann, dann begann er sachte zu schweben. So ist aus einem Wasserwegewrack ein Luftlustschiff geworden.

Letztjährig um diese Zeit hat unser Blick dieses Wrack geentert, das Bild wanderte in den Speicher „Kurios“ und dümpelte geruhsam vor sich hin. Die hiesige Kurparkseeflotte kam sommers hinzu und die Jollenliaison war perfekt. Fehlte nur noch der eine geistige Paddelschlag, um mit einer Pulle Silbensekt die Blogtaufe zu vollziehen. Die fabulöse Frau Ulli ist nun mit ihrer Bootsparade die Taufpatin geworden und manchmal werden Netze zu Feldern, mitunter zu Wäldern und dann strandet vielleicht ein gerundeter Silbenkiesel im Wortemeer. Mit Blickrichtungsbrandung ~~~

Mir ist der Blick so milde geweitet

Mir ist der Blick so milde geweitet
wenn deiner sich mit ihm vermählt.
Seit deiner Seele Treue mich begleitet
werden meine Breviere neu erzählt.

Mir tönt das Leben lieb vollkommen
seit deine Noten an meine Lieder rühren.
Du hast die Dissonancen genommen,
kamst, um sachte Kantaten aufzuführen.

Mir bangt nicht mehr mein wildes Sein
und jedes Sehnen wandelst du in Sinn.
Zeigst mir im Dunkeln noch den Schein,
und dessen Widerspiegel in mir drin.

Mir ist mein Leben nicht mehr fremd
und alle Maße sind fast angemessen.
Nun seiest du mir mein letztes Hemd,
mein Lieb‘, mein Gut, meine Finessen.

Mir sind die altbekannten Wege neu,
deine Schritte kolorieren nun als Segen
alle gängigen Pfade ganz ohne Scheu.
Will mich in deinen Spuren hinbewegen.