Ezechiel
An dem Tag, als die neuen Rechten in Sachsen-Anhalt triumphierten, mäanderten wir mit Ezechiel durch die Mainspitze. Schienenersatzverkehr. Wilde Busfahrer versuchten das metropolig bedingte Chaos zu entwirren, verirrte Reisende strandeten an Orten, die ihnen vollkommen surreal erschienen. So wie Ezechiel. Wir begegneten ihm an unserem heimischen Bahnhof und fanden Gemeinsamkeit in unserer allgemeinen Ratlosigkeit. Wo hält welcher Bus, welche Wege sind gerade freigegeben? In zehn Minuten unten am Ortsrand fährt einer gen Mainz Hauptbahnhof, so die plötzliche Parole. Wir zwei Ortskundigen spurteten los und riefen: Komm einfach mit! „Vaya con nosotros!“ erinnerte sich der Herzensmensch seiner Sprachkundigkeit. Mit leuchtenden Augen begleitete uns Ezechiel.
Wir rannten und lachten und radebrechten in drei verschiedenen Sprachen. Unser Prophet wollte viel wissen und gab ebenso gerne Auskunft über sich. Argentinier, gestrandet in der Nähe der schönen Jugendstilstadt und Arbeit gefunden. In einem Verteilzentrum eines weltumspannenden Netzes des Konsums und der Ausbeutung. „Deutschland ist schön!“ sagt er immer wieder. „Estoy mirando“. Endlich hält ein Bus. Wir lösen wie immer eine Gruppenkarte und tragen ihn nach Rücksprache mit dem Fahrer selbstverständlich ein. Seine Verwunderung löst sich in strahlender Freude auf, als er dieses Tun endlich versteht. „New friends!“ berichtet er strahlend irgendwem per Telefon.
Wir hätten unsere Haltestelle längst erreicht, doch die Freude hält uns noch ein Zeitchen beisammen. Erst am Hauptbahnhof verabschieden wir uns herzlich voneinander. Ezechiel mit vielen Komplimenten und wir mit Wünschen nach viel Glück. Unser Prophet ist jung und schön, in seinen Augen liegt das Strahlen eines Mannes, der die Welt begeistern will.
Er versucht erneut sein Glück bei der Weiterreise, wir haben jedoch Kinositze gebucht. Laufen durch die viel zu laute Stadt zurück ins Programmkino unserer Wahl. „Vaterland“ bannt uns für ein Zeitchen zurück im Weltengemenge. Ein stiller, starker Film.
Nach wiederum abenteuerlicher Heimfahrt dann die harte Realität eines Wahlausgangs, für die wir keinen Propheten gebraucht hätten. Oder eben doch. Danke, Ezechiel.
Und danke an Paul für die treffliche Musik:







