bittemito

Wie es uns erscheint

Ich will innehalten, in Demut baden, Athem schöpfen und dann in meiner Vorfreude mich sprudelnd in mir geysiren. Um mir so eine Quelle meiner selbst zu sein. Will mich auf alle meine Fähigkeiten besinnen und jene, die sich wissend bekecken, schier berauschend wirken lassen. Auf mich und andere. Das ist mein Advent, wie er mir erscheint. Und wie ich ihn gerne teile. Kein Götzendienst und keine Anbetung ist darin zu finden, nur meine florale Art der Besinnlichkeit. Vier Kerzen, während ich sündige. Die erste brennt bereits.

Im letzten Jahr begann im Advent meine dunkelste Zeit, ich habe die Zeichen jedoch da noch nicht erkannt. Zum Fest des Lichtes wurde es dunkel und blieb es für eine kleine gefühlte Ewigkeit. Ich denke nicht, daß genügend Buße getan ist, doch viel stärker ruht in mir das Licht der Liebe Dankbarkeit. Zünde jede Kerze damit an und hoffe, nein, ich weiß; daß sie weiter scheint, als unsere Pupillen zu blicken vermögen.

Allen hier flanierenden Buchstabenbalancösen und Silbensilberschmieden wünsche ich eine besinnliche Adventszeit, mir hat heute einer von euch eine unverhoffte Freude gemacht. Danke dafür. Denn es sind die unerwartet offenen Türen, die uns herberglich erscheinen.

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… und dann und wann ein weißer Elephant.*

Der Rummel meiner Kindheit beschränkt sich auf wenige Tage im Jahr voller Kuriositäten auf dem Dorfplatz hinter der Kneipe. Sich im Kreise drehende Feuerwehren, Polizeiwagen, beschnallte Pferde und ja, auch rosa Schweinchen zum Besteigen. Lautstark heischten Losverkäufer um Aufmerksamkeit und das Anschlagen der Hauptgewinnsglocke zog kurzfristig alle Blicke dahin. Das war die beste Gelegenheit, um die gläsernen Bierhumpen zu stiebitzen, das Pfandgeld wandelte sich rasch in krachend süßsaure kandierte Äpfel oder klebrige Zuckerwatte, die es nur an diesen Tagen gab. Später dann das Glücksgefühl des im Kreise Fliegens mit dem Kettenkarussell. Ringe werfen nach goldenen Fischchen, ein Spiegelkabinett, dessen gläserne Zerrbilder bebten mit dem darin gefangenen Lachen. Einen weißen Elephanten sah ich nie.

Zeitchen später dann ein kurzes Schauen auf die großen Rummelplätze. Schwindelnd machende Riesenräder und magenumstülpende Sausereien, die ständig scheinbar ihren bannenden Schienen entkommen wollten. Gruselkabinette, deren Kunstgeschöpfe bald die Außenwelt nur zu parodieren brauchten. Die mit gediegener Gemütlichkeit getarnten Festzelte, in denen jedoch ein ganz einsamer Wahnsinn tobte. Konzentrierter Konsum, Überfluß und Völlerei, die in Exzessen sich ergossen und ein dumpfes Bassen verbannte die feinen Karussellmelodien. Zwar drehten sich noch immer bunte sagenhafte Tiere in ihrem Kreise, doch auch hier war kein weißer Elephant zu sehen.

Letzthin führten uns unsere Reisewege in eine große, alte Stadt. Strasbourg, allein der Name verströmt Geschichten. In mancher wollten wir uns wohl wiederfinden, doch die ganze Stadt war ein einziger Rummelplatz. Menschen gebaren sich als Marktschreier und priesen ihren Tand an. Elektronische Handfesseln ersetzten Spiegelkabinette und Geisterbahnen. Zuckerwerk und importierte Stehrümchen an jedweder Ecke und ein Gedränge wie auf dem Jahrmarkt. Jedes Los ein Hauptgewinn, jeder Handel nie wieder so billig abzuschließen Dazwischen patroullierten Uniformierte mit kaltem Blick und den Maschinengewehren im Anschlag. Durch all den Konsumlärm dräute eine Melodie an uns heran. Und dann habe ich ihn gesehen, meinen weißen Elephant.

* Titel in Anlehnung an Rainer Maria Rilkes „Das Karussell“

 

 

 

 

Und manchmal dieser alte Schmerz

Und manchmal taumelst du für einen Moment unverhofft an den Rändern deiner einstigen Verzweiflungen entlang, streifst die Nähte deiner Versäumnisse und die groben Flicken der Vergangenheit scheinen gilb und harsch. Ein Gefühl, wie wenn ein einsames Herbstblatt scheinbar bangend seinen letzten Reigen tanzt. Lautlos vom kargen Baume sich lösen will. Es braucht den Sturm, dieses brausende Tosen der Lebendigkeit, Furcht kennt es nicht, nur die Ruhe die das vermeintliche Chaos in sich trägt. Kein Opfer, keine falsche Klage vibriert in diesem Sinken. Hingabe trägt es auf seinen Schwingen und Erneuerung über sich selbst hinaus. Wie du. Ein neues Pflaster um irgendwas zu flicken, nein, das brauchst du nicht. Sie waren nämlich gut, diese alten Zeiten. Die Zweifel waren deine eigenen Gräben und die Ränder mit Zorn vielleicht ausgerissen. Fugenlos ist jetzt dein Fühlen und Flickwerk brauchst du nicht. Und gleichwohl dann manchmal dieser alte Schmerz, doch eine Mildheit hat ihn wärmend übertüncht und lind gemacht, das fühlst du jetzt.

Im Frieden deiner Sinne

Liebster, mich narrt der Regentropfen Klang,

sie tropfen und klopfen wie mein pulsend Blut.

Ich lausche beiden in ihrem rauschend‘ Gesang

während die Sehnsucht in meinen Adern ruht.

 

Liebster, mich irritiert der Lichter Geglänze,

sie leuchten zu früh deine Wege hierhin aus.

Oh, erstrahlten sie doch deiner in aller Gänze

und flackerten wie meine Seel‘ uns voraus.

 

Liebster, mich dürstet bei gefülltem Glase,

bitter der Wein und schal des Wassers Klar.

Lügnerin heißen mich Gaumen als auch Nase,

nur die bittere Einsamkeit schmeckt so wahr.

 

Liebster, die Wärme des Herdes flackert kühl

und tausend Kerzen erstarren in ihrem Schein.

Und alles, alles, was ich nun sehnend erfühl‘

 gebiert nichts als schmerzendes Alleinesein.

 

Liebster, des Puders Duft brüskiert die Haut

als wäre er nur schnöder Staub in fein und apart.

Nur warmen Beugen und Runden ist er vertraut,

in kalter Einsamkeit fehlt sein Duft so zart.

 

Mein Liebster, huldvoll schattiert sich die Nacht.

Meine ersten Sinne will ich achtsam in sie legen

und bin so mit den deinen friedvoll bedacht.

Mein Sehnen wird still der reinste Segen.

 

Vom Singen fast vergessener Lieder

Die alten Schatten machen sich lang im Herbst. Und mit ihnen mein Sinnen. Gefühle kann man nicht widerrufen, sie zu spiegeln, das wäre ein wahrhaft reiches Unterfangen. Wie die klitzekleinen Flöhe aus dem Hühnerstalle, wo der Frieden unter weichem Gefieder und in glucksendem Nachtgeplauder wohnte; springen mich Erinnerungsdötzchen an. Der saure Duft von eingeweichtem alten Brote und der feine puderige Korngeruch, wenn man das Futter mischte. Die körperwarmen Eier in den Kinderhänden, behutsam unter dem fiedrigen Bauche wegstiebitzt. Ominkels Lächeln in den Augenfältchen, wenn ich scheinbar fleißiger beim Einsammeln war. Ab und an ein Staunaugen verursachendes weiches Fließei, rares Kleinod ohne den kalkweißen Schutz. Das raschelnde Stroh beherbergte das Gold des vergangenen Sommers.

Das immer zeitigere Verschließen der ebenerdigen Hühnerluken im sich neigenden Jahr und das vorherige Absuchen der tiefästigen knorrigen Apfelbäume auf der ganzen Hühnerhalbinsel nach Emma. Immer hieß das Huhn Emma, welches freiheitsliebend mehr hüpfend als fliegend einen Baum als Schlafstatt erkor. Und welches dann unter empörten Gekreische das weitere Stutzen der Flügel über sich ergehen lassen mußte. Eines Nachts dann doch Aufruhr im Stalle. Ich hatte wohl überm Spielen die Hühnerluken vergessen. Der Fuchs nutzte seine Chance. Das Entsetzen ob des Gemetzels mischte sich mit tief empfundener Schuld. Die Wucht dieser Empfindung schattiert noch heute meine Erwachsenenhaut.

Die alten Schatten machen sich lang im Herbst. Doch bange machen sie mich nicht. Ich brauche meine Schatten, um zu erkennen, wer ich bin. Tief in den Wassern ruht die Vergebung und ich singe gerne die fast vergessenen Lieder.

Platanenblattraschelpedalenballade

Der Schreck streift nur kurz meine Sinne, in der Gleichtönigkeit des unerwarteten Geräusches ist eine Sicherheit geborgen, deren Ursprung in jubelvollen Kindertagen zu finden sein muß. Zumindest steigt mir eine derartige Ahnung auf. Ich bremse behutsam das eben erst zwodreifach anpedalte Velo ab, das raschelnde Rattern periodisiert gleichsam. Im fast dampfenden Lichtkegel der nächsten Straßenlampe zeichnet sich der unerwartete Beifahrer ab: Ein Blatt einer der Stadtplatanen hat sich in den Speichen meines Vorderrades gebettet, um vielleicht so den Stürmen zu entgehen, die es verwirbelnd durch die nassen Gassen treiben wollten.

Die meisten Bäume dieser Stadt haben Glück, etliche Wasser liegen ihnen zu Füßen. Gebändigt von Menschenhand ist deren sichtbarer Teil, da wo es vergnüglich murmelt und manchmal sogar betäubend rauscht. Was unterirdisch sickert und tropft, es mag ein segensreiches Geheimnis der Bäume bleiben. Stammaufwärts sind sie oft nackt und bloß dahingestellt in Quadrate aus geschnittenem Stein, dienen als Kloake und vierzehntägig prima zum Anlehnen unserer Plastiksäcke voller Wohlstandmüll. Manchmal werden sie so arg verschnitten, daß jedem fühlenden Wesen bei ihrem Anblick das Augenwasser aufquillt. Und doch folgen sie jedjährig dem naturgegebenen Takt.

Jetzt im Gilbhart ziehen sie ihre Kraft in sich zurück. Lassen vorher noch ihre Lebensnetze durch die Straßen tanzen und foppen aufwirbelnd die unter Schirmen geduckt hastenden Menschen. Ein Lächeln wölbt meine Mundwinkel. So lasse ich mich gerne zum Tanze verführen. Tippe mir kurz an den Regenhut und dann steige ich wieder auf. Das Velo behält seine Platanenballade, ich quere die urbane Langeweile lautstark lächelnd und weiche keinem anwehendem Notenblatt aus. Im nassen Zwielicht äugen Rindengesichter zum Geraschel hin und ich kann sie tatsächlich mitlächeln sehen unter all ihrer Borkigkeit.

Und dann wird meine anfängliche Ahnung zum leuchtenden Bild: Den Schloßberg hinab ins Dorf zurück, ein ganzer Pulk heißwangiger Täve Schurs den schmalen Knabenhintern hoch überm Sattel wackelnd. Ein paar Indianer auch auf wildschnellen Mustangs, Prinzessinnen mit wehendem Schleier, die irgendeiner Hexe fliehen. Andere ducken sich schwer auf den Tank ihrer Maschine und kuppeln, schalten, geben lautstark Gas. Eine ganze Bande Kinderlachen, denen gerade die Phantasie die Räder wirbeln läßt. Und über allem ein raschelndes Rattern… Bierdeckel, die wir in die Speichen klemmten, sie waren begleitender Jubelton. Mein Platanenblatt ist mir für einen glücklich langen Moment eine klingende Impression.

Nichts ist umsonst. Kein Erleben und keine Erinnerung. Wir sind auf dem Weg zu uns hin, lernen loszulassen und häuten uns jährlich, um uns neu zu finden.

 

Gnadennebel

Eben möchte ich in deinen Nebeln leben,

mich verdingen an deinen milden Dunst.

Du hast mir mehr als dein Licht gegeben,

warst heller in deiner wahrhaften Gunst.

~~~

Senkst dich gleich kaschierendem Grau

hinab auf meine so lodernd dunkle Seele.

Umfängst mich sicher wärmend und lau.

Ein Wunsch: barmt meine bange Kehle.

~~~

Gewähre mir das Talent deines Sehens

doch bewahre mich vor dieser Sehnsucht.

Alles, was außerhalb uns’res Geschehens

ist nicht abbildbar, ergreift die Flucht.

~~~

Mild und leise sind mir deine Besuche,

mahrfrei und in reine Gnade gewoben.

Lege mich gerne in solche Traumtuche

aller Hader deucht mich aufgeschoben.

~~~

Nebel, meine Liebe singe ich raunend

durch deine changierenden Schleier.

Du umhüllst mich so sachte daunend,

dass meine Seele wird weit und freier.

~~~

So möchte ich in deinen Nebeln leben,

wohl geborgen zwischen Tag und Nacht.

Mag dir die ängstlichen Stunden geben,

die unzählig ich zuvor bang durchwacht.

 

 

 

Wir ziehen uns langsam die Schatten aus

Wir ziehen uns langsam die Schatten aus,

lösen behutsam, was uns einst schnürte.

Grauschwarze Schleier wehen leise hinaus,

seit deine Seele mich sachte berührte.

~~~

Du kamst nicht zu mir mit diesem Wissen

und auch ich ahnte nicht um solche Kraft.

Wir haben zart unsere Säume geschlissen,

die zuvor grobstichig zusammengerafft.

~~~

Barhautend erkennen wir uns als wahr

und lösen die nun rostig ehernen Ringe,

deine Augen spiegeln mir hell und klar,

dass ich mich nicht mehr so verdinge.

~~~

Wir hüllen einander in Tücher aus Glanz

und fühlen warm die sinkenden Schemen.

Durch dich bin ich heil und bin es ganz:

Du kamst, um mir die Schatten zu nehmen.

 

Mama Löwenherz zürnt mit Bedacht

Kind, liebes, was sagst du denn zur Wahl? Ja, ich suche auch nach Antworten. Hier bei Görlitz ist es ja ganz schlimm. Das hätte ich nie gedacht. Damals, nach der Wende, da haben wir erstmal alles geglaubt. Und mußten uns durchwurschteln, naja wie immer eigentlich. Aber das Dorf hier steht doch inzwischen gut da. Wir sind doch nicht die abgehängten, enttäuschten Ossis, von denen jetzt alle am rechten Rand stehen sollen. Nee, ich habe die nicht gewählt. Wie? Klar kenne ich ein paar. Die über dreißig Prozent müssen ja irgendwo herkommen. Was? Neee, denen gehts allen gut. Letzthin noch mit dem Eberhard gesprochen, der kriegt jetzt Vielfliegerbonus. Ganz stolz isser auch auf seinen neuen Suff. Lach nicht, die Ungetüme von Autos heißen doch so. Weilse soviel saufen, daß Beschiss vonner Fabrik her betrieben werden muß. Ab Werk. Wie? Hihi, genau, Manufaktur heißt das ja hochtrabend jetzt. Unzufrieden isser trotzdem. Fährt nach Polen zum Tanken und Einkaufen und meckert, daß sich das kaum noch lohnt, seitdem die Pollaken inner Eurozone sind. Sachter so. Und damit isser nich alleine. Obwohl der hiesige Bürgermeester sonen guten Stand hat. Im Gewerbegebiet sind nu alle Flächen vergeben. Und Brüderchen und Schwesterchen mußten wieder aufstocken. Was sachste? Klar, da warste och schon inner Kinderkrippe, die gibts immer noch und ist beliebt bei den jungen Leuten. Sicher müssense zum Arbeiten heute weiter fahren als wie früher, aber scheen zum Leben isses hier. Eingekooft wird eh im Internetz, die Dorfstraßen sind fast zu kleene für die breiten Zustellautos vonner Post und wer da noch so alles Pakete rumfährt… Wie bitte? Ausländer? Hör uff! Die paar fallen kaum auf und die Kaufkraft der schnieken Polinnen ist ja schließlich auch willkommen. Oder der Dönermann. Oder der vietnamesische Gemüsehändler. Oder… Was? Klar ist wieder Kirmes am Wochenende. Mit Eintrittsgeld. Und für fünfundzwanzig Euro sogar mit Essen von sonem neumodischen Grill. Der Vorverkauf brummt, sagt die Edeltraut. Schlagerabend. Naja. Kicher nich so, ist immerhin noch besser als die unsäglichen Oktoberfeste allerorten. Obwohl, so wahltechnisch sind wir Ossis ja nu mit den Bayern gemein…

Schön, dasste nu wieder lachst und ich mit. Könnte einem ja echt manchmal vergehen. Ja, wir sehen uns dann. Bis dahin und… ich hab dich lieb.

Die Netze werden dichter gesponnen

Was uns draußen mit leiser Melancholie erfreut und von Reifung und willkommender Ruhe sachte kündet, scheint sich im politischen Herbste anders zu verdichten. Klebrige Populismusfäden werden wild versponnen und fischen üppig im Trüben. Vermeintliche Retter überschütten uns mit hohlen Mustern und fressen sich fett an unserer naiven Dummheit. Die eigentlichen Fädenzieher augenweiden sich an unserem hilflosen Gezappel, wenn die Schlingen sich fester ziehen. Und wenn wir so wild und blind um uns schlagen, treffen wir nur die, die mit uns auf diesen Leim gegangen sind. So fein sind die Gespinste der Intrigen und Lügen, sie sind als Falle kaum zu erkennen. Bereitwillig lassen wir uns ködern und nur zu gerne fallen. In Netze, die Sicherheit suggerieren sollen und doch nichts anderes sind, als klebrige, modrige, veraltete Raster. Es ist Herbst geworden, ein Herbst mit braunem Getön, wo doch ein leuchtendes Rot hätte prangen können. Doch wer im Netze zappelt, verliert wohl seinen Durchblick. Dient als fette Beute und nährt so die, die ihn umgarnen. Die Netze, sie werden immer dichter gesponnen.